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14.10.2002
Konzertbericht: Laut gegen rechte Gewalt in Ludwigslust

"Was ist", brüllt Ferris MC von der Bühne, "seid Ihr denn nun laut gegen rechte Gewalt?!" Ein frenetisches Brüllen der tanzenden und springenden Fans ist die Antwort, denn deshalb sind alle hier in der Ludwigsluster Sporthalle: Um ein ernstes Thema mit einer guten Party zu verbinden.

Am Freitag, den 11. Oktober 2002, machte "Laut gegen rechte Gewalt" Station in Ludwigslust. Denn ein Motto der Konzertreihe der Aktion "Mut gegen rechte Gewalt" von der Amadeu Antonio Stiftung und dem Magazin stern ist es, mit den vom Büro Lärm organisierten Konzerten in die Orte zu gehen, wo Rechtsextremismus ein Alltagsproblem ist - um die Initiativen zu unterstützen, die sich nicht einschüchtern lassen und sich gegen die Rechtsextremen zur Wehr setzen.

Situation in Ludwigslust

In Ludwigslust ist Rechtsextremismus ein gravierendes Problem. Die organisierten Vertreter der rechten Szene haben die 12.000-Einwohner-Stadt, die verkehrsgünstig an der A24 ziemlich mittig zwischen Hamburg und Berlin liegt, zum organisatorischen Stützpunkt auserkoren. Der Hamburger Aktivist Klaus Bärthel lebt hier seit Jahren, kandidiert für die NPD und gibt unter anderem das Fanzine "Zentralorgan" heraus, das über Konzerte, Aktionen und Ideologie der Szene informiert. Im Stadtbild verraten Läden wie das Tattoo-Studio "Walhalla" oder der Buch- und CD-Laden "Wotan", dass sogenannte "Freie Nationalisten" hier eine Infrastruktur aufbauen.

Engagement dagegen kommt von Jugendlichen

Für die - zumeist - Jugendlichen, die sich in Ludwigslust gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit engagieren, gehören Auseinandersetzungen zum Alltag. "Verbale Attacken gibt es ständig - nicht nur von Neonazis, sondern auch von Teilen der älteren Bevölkerung, die die Rechten ordentlicher und netter finden", erzählen Schüler aus Ludwigslust beim Initiativen-Treffen vor dem Konzert. In Ludwigslust sind die gewalttätigen Übergriffe weniger geworden - "aber nur deshalb, weil die Rechtsextremen sich hier organisieren und deshalb keinen Ärger wollen", vermuten die Schüler.

Neonazis, die vor Schulen und in Jugendzentren in großen Gruppen herumhängen, Andersdenkende einschüchtern und 13- bis 15-jährige Schüler für ihre Überzeugung zu gewinnen versuchen, gehören zum Alltag. Bei den Lehrern finden die gegen rechts engagierten Schüler wenig Unterstützung, wie sie berichten: "Die meisten wollen am liebsten ein politikfreie Schule. Und sitzen einfach aus, bis die Neonazis in der neunten Klasse abgehen." Zwar gibt es seit April 2002 einen Skaterplatz für Jugendliche und die jungen Flüchtlinge aus dem nahe gelegenen Flüchtlingsheim, der auch gut genutzt wird - allerdings immer unter der Angst, dass "Prügelknaben" der Rechtsextremen vorbeikommen und Randale machen.

Musik bietet den Rahmen für Information

In diesem Umfeld setzte das "Laut gegen rechte Gewalt"-Konzert ein Zeichen - dafür, dass es Menschen gibt, die sich hier für Demokratie und Mitmenschlichkeit und gegen Rechtsradikalismus engagieren. "Laut gegen rechte Gewalt" bedeutet einerseits eine gut gelaunte Party mit heißer Musik, andererseits auch ein Forum für die lokalen Initiativen, sich auf der Bühne und an Info-Tischen zu präsentieren.

Einsatz bis zum Ende der Stimme: Ferris MC

In Ludwigslust machte Ferris MC und sein "Sound of Hamburg City, dem die Leude vertrau’n" den musikalischen Anfang. Trotz starker Erkältung und intensiver Arbeit am neuen Album sprangen der rotzige rothaarige Rapper mit sein Kompanion DJ Stylewarz wie Derwische auf der Bühne herum und brachten die rund 550 Fans in der Halle zum Springen. Ferris brüllte in einer halben Stunde seine Hits wie "Flash for Ferris MC" und "Wie ist mein Name" ins Mikro, bis von seiner rauen Reibeisenstimme so gut wie gar nichts mehr übrig war - das ist Einsatz!

Unwiderstehlich charmant: Adé und Don von Bantu

Wer bis dahin noch nicht getanzt hatte, kam beim nächsten Act nicht mehr darum herum - die Musik, die die beiden afrodeutschen Brüder Adé und Don Abi mit ihrem Bandprojekt Bantu machen, ist eine mitreißende Mischung aus Hip Hop und Dancehall-Reggae. Dabei besitzen die beiden, wenn sie singen, tanzen, posen, auch eine umwerfend charmante Bühnenpräsenz, so dass es kein Wunder ist, dass die Ludwigluster Sporthalle in der nächsten Stunde nicht zum Stillstehen kam. Höhepunkt war die Brothers Keepers-Single "Adriano - Letzte Warnung". Adé ist der Initiator der Initiative Brother Keepers, dem changierenden Zusammenschluss afrodeutscher Musiker, die sich gegen rassistische Gewalt engagieren.

Die Initiativen vor Ort

Zwischen den Auftritten präsentierten sich Initiativen auf der Bühne. Das Prignozert-Team aus Perleberg ist eine Schülergruppe, die selbst Konzerte gegen Rechts organisiert, der Verein Lobbi e.V. aus Wismar betreut Opfer rechter Gewalt in Mecklenburg-Vorpommern . Die Schüler gegen Rechts aus Ludwigslust haben nicht nur den Konzertabend mit organisiert. Sie führten auch ein kurzes Theaterstück gegen rechte Gewalt auf. Ursprünglich hatten sie die Szenen, in denen Pöbeleien und Angriffe inszeniert wurden, in der Ludwigluster Innenstadt gespielt - um zu testen, ob Passanten eingreifen, was übrigens so gut wie nie geschah. Auf dem Konzert war die Reaktion erwartungsgemäß anders.

Entspannter Reggaepop von Patrice

Dann war es aber wieder Zeit, das Tanzbein zu schwingen: der gebürtige Kölner Patrice macht eine unwiderstehliche Mischung von Reggae, Rap, Soul und Pop auf Englisch und Jamaikanisch, die die ohnehin gute Stimmung im Saal noch einmal steigern konnte. Auch seine brandneue Single "Up in my Room" brachte Patrice zur Freude der Fans zu Gehör.

Und es folgte eine ruhige Nacht

Die gute Stimmung des "Laut gegen rechte Gewalt"-Konzerts blieb auch auf dem Nachhauseweg erhalten. Die beteiligten Initiativen freuten sich über das rege Interesse an ihrer Arbeit, das an den Infotischen geäußert wurde, und werten das Konzert als Erfolg. Und nach Angaben der Polizei blieb es in der Nacht "so ruhig in Ludwigslust wie schon lange nicht mehr." Es gab keine Zwischenfälle mit rechtsextremen Störern. Also, ein rundum gelungener Abend!

Amadeu-Antonio-Stiftung

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