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16.10.2002
Eine obskure Forschungsgestalt in Bad Doberan - Dokumente und Zeitzeugen werden gesucht - Konturen eines seltsamen Projektes zeigen sich

Bad Doberan (OZ) In jüngster Zeit erfolgen wiederholt Anfragen aus Kreisen der ur- und frühgeschichtlichen Forschung, so aus Berlin, Kanada und Schweden, die sich mit der Archäologie in der NS-Zeit beschäftigen. Das Interesse gilt einer so genannten "Forschungsanstalt", die vor nahezu 70 Jahren in Bad Doberan entstand und von einem Hermann Wirth geführt wurde.

Bereits am 13. Juli 1932 hatte in Mecklenburg-Schwerin eine unter Walter Granzow geführte NS-Regierung die Macht angetreten. Auch in Bad Doberan waren die Nationalsozialisten führend. Ausdruck dafür war, dass sie am 15. August im Stadtparlament die Verleihung des Ehrenbürgerrechtes an Adolf Hitler und die Umbenennung der Dammchaussee in Adolf-Hitler-Straße durchsetzten.

Sarkastisch hieß es in einem Gedicht "Hoch Doberan!", das die "Mecklenburgische Volkszeitung" am 12. September veröffentlichte: "Sie ist die erste deutsche Stadt,/Die rechte Wege weist:/Die erste, die 'ne Straße hat,/Die Adolf Hitler heißt!" Darüber hinaus machte im Oktober Ministerpräsident Granzow dem 47-jährigen deutsch-holländischen Privatgelehrten Hermann Wirth das Angebot, in Bad Doberan eine Forschungsanstalt aufzubauen.

Weshalb zeigte die neue Landesregierung, die angesichts der großen Wirtschaftskrise alle Ausgaben für Kultur und Wissenschaft drosselte, ein solches Interesse?

Wirth, der Philologie, Germanistik, Geschichte und Musikwissenschaft in Utrecht und Leipzig studiert hatte, hing obskuren völkischen Ideen an. Auf der Grundlage einer vergleichenden Ursymbol- und Schriftgeschichte, wozu ihm Schriftsysteme der Mittelmeerländer und des Orients, west- und nordafrikanische Symbole, Indianer- und Eskimosprachen sowie Schriftdenkmäler der älteren Steinzeit dienten, vertrat er die Hypothese von einem großen Kulturkreis um das nordatlantische Becken. Von der Erweckung dieser Urkultur erhoffte er sich die "Wiedergeburt der nordischen Rasse". Ausschlaggebend aber war vor allem für die NS-Machthaber in Schwerin, dass Wirth 1931 in seiner Schrift "Was heißt Deutsch?" sich öffentlich für den Nationalsozialismus erklärt hatte. Hierin hatte er das Hakenkreuz als "uraltes Heilszeichen des urdeutschen Gottesglaubens" gedeutet, das von der NSDAP "zum Wahrzeichen der Erneuerung und des Aufstiegs" gewählt worden war.

Ende 1932 machte sich Wirth mit Assistenten daran, im Möckelhaus an der Dammstraße (heute Museum, Beethovenstraße 8) die Einrichtung aufzubauen, die sich "Forschungsanstalt und Freilicht-Museum für Geistesurgeschichte" nannte. Nach einem Artikel im "Niederdeutschen Beobachter" vom 21. Januar 1933 bestand ihre Aufgabe darin, "ein weiteres Vordringen artfremder Einflüsse zu verhindern und das Geisteserbe des Nordens aus seiner Verschüttung zu befreien". Der "Ostsee-Bote" vom 1. Februar kündigte fünf öffentliche Lichtbilder-Vorträge des Prof. Dr. Hermann Wirth an. Die Themen waren bezeichnend, z. B.: "Vom Sinn des Lebens in der urnordischen Weltanschauung", "Die nordische Volksmutter und das Ahnenvermächtnis". Am 7. Mai brachte die Zeitung die Meldung, dass der "Doberaner Forscher" in Berlin die "erste urreligionsgeschichtliche Ausstellung" unter dem Titel "Der Heilbringer" eröffnet habe. Nun würde man "mit einem Schlage" verstehen, "was mit der für Doberan geplanten 'Deutschen Sammlung und Freiluftschau für Geistesurgeschichte und Volkstumskunde' beabsichtigt sei." Doch Wirth hoffte vergeblich auf die weitere Unterstützung des Landesregierung. Sie hielt sich nach dem 30. Januar bedeckt, weil Hitler jener Variante der "nordischen Weltanschauung", wie sie Wirth zu konstruieren begann, nichts abgewinnen konnte. Wirth musste seine Anstalt aufgeben.

Im Herbst 1934 bot sich für ihn noch einmal eine Chance. Der Reichsführer-SS Heinrich Himmler und der Reichsbauernführer Richard Walter Darré nahmen sich seiner an. Er wurde am 1. Juli 1935 Präsident des "Deutschen Ahnenerbes". Da Wirth dann doch nicht den Erwartungen Himmlers entsprach, der das "Ahnenerbe" zu einem Instrument der SS ausbaute, wurde er 1937 wieder abgeschoben. Wirth machte auf seinem Gebiet auch nach 1945 in der Bundesrepublik weiter. Er starb 1981, nachdem er zuvor die Einrichtung eines "Germanen-Museums" angeregt hatte.

Wirth gehört trotz mancher Anfechtungen aus den eigenen Reihen zu den Vordenkern des Dritten Reiches. Uns interessiert natürlich besonders sein Wirken in Bad Doberan. Gesucht werden daher Dokumente und Zeitzeugen, die darüber weitere Aufschlüsse geben.

Ostseezeitung

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