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10.10.2002
Flüchtlingsalltag in Deutschland: Video gegen unreflektierte Bilder? - jW-Interview mit Anja Schmidt von der Videocrew »Colour« Neubrandenburg
F: Sie sind eine der Produzentinnen eines Videos über den Alltag von Flüchtlingen in Mecklenburg-Vorpommern.
Im Dezember 2001 hatten wir die Ausstellung »Menschenwürde auf Rabatt« aus Potsdam nach Neubrandenburg in die Fachhochschule geholt, die sich mit der Situation von Flüchtlingen auseinandersetzt. Die Resonanz auf diese Ausstellung durch Deutsche war eher mäßig. Aber Neubrandenburger Flüchtlinge nahmen sehr rege an den Abendveranstaltungen teil, da gab es erste Kontakte zu ihnen. Wir hatten das Bedürfnis, die Öffentlichkeit zu informieren und mit der Situation der Asylbewerber zu konfrontieren. Was lag da näher, als einen Film zu drehen?
Insgesamt, also mit den ersten Vorüberlegungen bis zu den letzten Feinschliffen am Schnittplatz, arbeiteten wir fünf Monate an dem Film. Das war eine sehr intensive Phase, in der wir sehr interessanten Menschen begegneten, deren unterschiedliche Schicksale uns sehr nachdenklich stimmten, und Heime kennenlernten, deren Anblick uns sprachlos machte. Die oft sehr beklemmende und düstere Stimmung des Filmes gibt diese Gefühle ziemlich deutlich wieder. Wir wollten die Lebenssituation der Flüchtlinge möglichst objektiv darstellen. Deshalb haben wir auch auf Kommentare weitestgehend verzichtet.
Ein weiterer Grund für uns, den Film zu machen, ist das verzerrte und unreflektierte Bild vieler Bürger vom sogenannten »kriminellen Wirtschaftsflüchtling«, der von »unseren Steuergeldern« lebt. Kaum ein Deutscher weiß etwas über die menschenunwürdige Lebenssituation von Flüchtlingen in diesem Land, die sich durch die neuen Zuwanderungsgesetzte noch drastisch verschärfen wird, und von den rassistischen Ausländergesetzen.
F: War es schwer, Dreherlaubnis in den Asylbewerberheimen zu bekommen?
Eine Dreherlaubnis erhält man in der Regel nur in Absprache mit dem Betreiber des jeweiligen Flüchtlingsheims und dem zuständigen Sozialamt. Wir haben die Erlaubnis meistens über Anfrage einer Drittperson aus dem öffentlichen Leben erhalten. Verwehrt wurde uns die Drehgenehmigung nur in Rostock durch den zuständigen Sozialamtsleiter - mit der Begründung, daß wir das Ansehen der Hansestadt Rostock schädigen und nur Mißstände aufdecken wollten. Auch zu einem Gespräch zeigte er keine Bereitschaft. Dieses Verhalten machte uns sehr stutzig, gerade auch im Zusammenhang mit dem Brandanschlag in Rostock-Lichtenhagen vor zehn Jahren.
F: Welche Resonanz gab es bisher auf den Film?
Eigentlich mehr, als wir erwartet haben, was uns natürlich sehr freut. Zum einen versuchen wir, den Film an Schulen zu vermitteln oder auch an weiterbildende Seminare von Pädagogen. Andererseits gab es öffentliche Vorführungen in verschiedenen Städten in Mecklenburg.
F: Wie bewerten Sie die abgelaufenen vier Jahre SPD-PDS- Regierung in Mecklenburg in bezug auf die Situation der Flüchtlinge?
Große Veränderungen hat es nicht gegeben. Die Gesetze der alten Regierung bestehen fort. Es gab einen Erlaß des Innenministers, nach dem die »Dschungelheime« bis Ende 2003 geschlossen und die in ihnen lebenden Flüchtlinge in Stadtnähe untergebracht werden sollen, was sehr positiv ist. Aber bei der Umsetzung sieht es katastrophal aus. Es gibt viel Bürgerprotest wie etwa in Bad Doberan, Neustrelitz und Ducherow. Gedanken an dezentrale Unterbringung werden von seiten der Politiker oft von vornherein beiseite geschoben, und an der Tradition der kasernenartigen Unterbringung wird festgehalten.
Des weiteren gab es die Zustimmung der PDS zum Zuwanderungsgesetz unter der Bedingung einer »weitestgehenden Lockerung« der Residenzpflicht. Aber die gibt es bislang nur auf dem Papier, denn Flüchtlinge werden immer noch wegen Verstoßes gegen die Residenzpflicht verurteilt.
* Der Film »Leben in der Fremde« (43 min, BRD 2002) wird am 7. November um 20 Uhr im Filmmuseum Potsdam gezeigt. Als VHS-Video ist er zu bestellen bei: TABULOS e.V., Videogruppe »Colour«, Johannesstr. 12-14, 17034 Neubrandenburg, e-mail: UlanMaschmi@hotmail.com
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