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27.09.2002
Podiumsdiskussion ergab Bekenntnis zu Heinkel - Äußerst lebhaftes Streitgespräch über Rostocks Industriegeschichte und deren Verwicklung in den Nationalsozialismus
Rostock in Aufregung. Was war geschehen? Eine Ausstellung über die Ernst-Heinkel-Flugzeugwerke wurde eröffnet, auf Drängen Rostocker Lokalpolitiker geschlossen und per Gerichtsbeschluss interessierten Besuchern wieder zugänglich gemacht. Ein einmaliger Vorgang. Ein Eklat. Und Anlass, über Rostock und Heinkel neu nachzudenken.
Inzwischen hat die Ausstellung ihre Pforten wieder geschlossen. Aber viele Fragen blieben offen. Da es keine x-beliebige Ausstellung war, sondern eine, die dem Wirken des genialen Technik-Managers und Flugzeugpioniers Ernst Heinkel und seiner Bedeutung für die Stadt Rostock gewidmet war, ist mit ihr ein sensibler Punkt territorialer und deutscher Zeitgeschichte berührt worden. Denn Ernst Heinkel war als Wirtschaftsmagnat eng mit dem Regime des Nationalsozialismus verbunden. So auch mit dem Einsatz von 6000 Zwangsarbeitern in den Heinkel-Flugzeugwerken. Ernst Heinkel wird damit zu einer umstrittenen Persönlichkeit der Zeitgeschichte.
Heinkels Leistungen im Lichte seiner Zeit
Je nach politischem Standpunkt und historischer Kenntnis gewichten Bürger der Stadt - mit und ohne größere politische Verantwortung - Heinkels Leistungen im Lichte deutlicher historischer Zeitbezüge oder aus rein technisch-wissenschaftlicher Sicht. Nur die wenigsten müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, sie bewerteten allzu einseitig. Die Mehrheit anerkennt die Leistungen, ohne die ethisch-moralischen Aspekte zu ignorieren.
Die unterschiedliche Gewichtung erbringt die Kontroverse!
Dem einen Bezug gerecht zu werden, ohne die andere Seite zu vernachlässigen, und einen Weg zu suchen, wie künftig mit dem Namen Heinkel und seinem Werk in Rostock umgegangen werden sollte, diesen Fragen haben sich NNN und Universitätsbuchhandlung Thalia gestellt und zu einer öffentlichen Diskussion gebeten.
Über 200 Gäste kamen. Unter ihnen Katrin Möller, die stellvertretende Leiterin des Vereins Landestechnisches Museum Schwerin, Bernd Blumenthal Chef des Flughafens Rostock-Laage, Volker Koos, der ausgewiesene Luftfahrtexperte, Manfred Lehde, Geschäftsführer der Firma Rostock Systemtechnik, der Unternehmer Harald Lochotzke, Roland Methling vom Förderkreis Luft- und Raumfahrt und bekannt als Leiter des Hanse-Sail-Büros, Rolf Paarmann, Präsident der IHK Rostock, Wirtschaftssenator Dieter Schörken, Ernst-Georg Thoms, Präsident des Unternehmerverbandes, und der Rektor der Universität Rostock, Prof. Hans Jürgen Wendel.
Sie nahmen sich unter Leitung von Ulrich B. Vetter des so kontrovers diskutierten Themas an und spitzten polemisch zu: "Rostocks schwieriges Erbe. Ernst Heinkel - Luftfahrtpionier oder Kriegsverbrecher?"
Es sei vorweggenommen: Nachdem die geladenen Podiumsgäste ihre Erklärungen zum Thema abgegeben hatten, wurde jedem klar, dass alle Diskutanten die Sorge umtreibt, die Stadt könnte ein so gewichtiges Potenzial für die Innen- und Außenwerbung ungenügend beachtet lassen oder - was noch schlimmer wäre - ungeschickt verspielen, laienhaft belasten, parteipolitisch instrumentalisieren oder unter Ignorierung bereits gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse zum Tummelplatz inkompetenter Amtsträger verkommen lassen.
Großes Engagement der Rostocker Bürger
Die Diskussion mit den Gästen bestätigte dann überzeugend die Berechtigung solcher Sorgen. Es demonstrierte aber auch, mit welch großem Verantwortungsbewusstsein Rostocker Bürger ihrer eigenen Geschichte gegenüberstehen. Immer wieder von Beifall unterbrochen wurde die Forderung laut nach sachgerechter Aufarbeitung der Industriegeschichte in Rostock, in der Ernst Heinkel einen zweifelsfrei exponierten Platz einnimmt. Dass an einer solchen Aufarbeitung nicht nur die Universität besonderen Anteil haben sollte, sondern alle historisch orientierten Einrichtungen, hoben viele Diskussionsredner hervor.
Ob Heinkel als "technologischer Querulant", "nicht so bedeutender Ingenieur, aber genialer Manager" oder als "Synonym für die technische Leistungsfähigkeit Mecklenburg-Vorpommerns" gesehen wurde, einig war man sich in der hohen Wertschätzung seiner technisch-wissenschaftlichen wie betriebswirtschaftlich-organisatorischen Leistungen. Sie müssten durch die Stadt hinreichend gewürdigt werden.
Vorschläge reichten von komplexeren Ausstellungsprojekten, von der viel diskutierten "Heinkel-Wand" bis zu einem Heinkel-Museum. Dieses müsse auch die dunklen Seiten des Musterunternehmers zeigen, erklären und bewerten. An seiner Haltung zum Nationalsozialismus, zum Holocaust und der Situation der Zwangsarbeiter in seinen Werken komme man nicht vorbei.
Die Benennung einer Straße wurde ins Spiel gebracht; eine Langzeitstudie vorgeschlagen, die die Rostocker Unternehmen finanzieren und begleiten sollten; mehr Auseinandersetzung mit der Rostocker Geschichte überhaupt wurde eingebracht; detaillierte Forschung zu den Widerstandsgruppen der Heinkel-Arbeiter und dem KZ in Rostocks Steinheide kamen zur Sprache.
Bedauerlicherweise glaubten Vertreter der Bürgerschaft, die am Zustandekommen des Beschlusses über die Schließung der Heinkel-Ausstellung beteiligt waren, die Podiumsdiskussion zur Rechtfertigung bzw. zum Nachkarten benutzen zu können. Der Moderator konnte diese zeitweise hitzig und nicht immer sachlich geführte Debatte glücklicherweise im Zaume halten.
Kaum hilfreich war auch das Auftreten von Kultursenatorin Ida Schillen, die, vom Niveau der Diskussion überfordert, keinen Zugang zum Publikum und den Diskutanten fand, obgleich der Moderator ihr jedwede Hilfestellung gab, um wenigstens als Fachsenatorin das Gesicht wahren können. Für ihre Ankündigung, trotz zahlreicher bereits vorliegender wissenschaftlicher Arbeiten zu Heinkel, erst 2005 erste Analysen verfügbar zu haben - das Thema Heinkel also noch drei Jahre zu vertagen - erntete sie Kopfschütteln und Buhrufe. Auch ihre Vorwürfe, Heinkel sei ein "Kriegsverbrecher" und die Ausstellung trage Züge
der "Volksverhetzung" ließ sie stehen. Wolfgang Dalk
Stichwort
Ernst Heinkel (1888 - 1958)
1922 Gründung der Heinkel-Flugzeugwerke 1923 Schwimmflugzeug He 5, Höhenweltrekord 1929 See-Schulflugzeug He 9, fünf Geschwindigkeitsweltrekorde 1932 aerodynamische Revolution mit der He 70, erstes Hochleistungspassagierflugzeug 1939 erstes mit Flüssigkeitsraketenmotor gestartetes Flugzeug (He 176), weltweit erstes von Hans von Ohein entwickeltes Düsenstrahltriebwerk (He 178) 1941 weltweit erstes zweistrahliges Düsenflugzeug (He 280)
Die Heinkel-Werke beschäftigen 1944 über 50 000 Menschen. 500 Schutzrechte für Triebwerkstechnik liegen bei Heinkel und über 1500 Patente. Heinkel entwickelte etwa 500 Fluzeugtypen und baute 10 000 Flugzeuge. Nach 1945 enteignet.
Positionen
Der Beschluss war unvernünftig
Dieter Schörken, Wirtschaftssenator: Noch immer wird Mecklenburg-Vorpommernals vor allem landwirtschaftlich geprägte Region wahrgenommen. Da ist ein Verweis auf Heinkel und die Leistungen der Heinkel-Werker richtig und nötig. Der Beschluss, die Heinkel-Ausstellung zu schließen, war aus jetziger Sicht unvernünftig. Die nun begonnene Diskussion kommt genau zur rechten Zeit.
Große Chance für Außenwerbung
Volker Koos, Luftfahrtexperte: Mit den Leistungen eines Mannes wie Ernst Heinkel in unserer Stadt muss Rostock öffentlich werben und dessen Verdienste in der Luftfahrttechnik für die Stadt nutzbar machen, sonst ist hier eine große Chance der Außenwerbung vertan. Heinkel ist unbestritten weltweit einer der ganz großen Pioniere und Unternehmer in der Luftfahrtindustrie.
Querulant, aber kein Widerständler
Katrin Möller, Verein Landestechnisches Museum Schwerin: Ernst Heinkel war der geniale Techniker, Erfinder und Luftfahrtpionier. Wiederholt hat er sich als Querulant im Wirtschaftsgetriebe der Nazis erwiesen. Er wollte schnelle Flugzeuge, die Nazis Bomber in Serie. Es ging nicht um politische, sondern eher um technologische und wirtschaftliche Querelen. Keinesfalls gehörte er zu den Widerständlern.
Verquere Diskussionen schaden nur
Manfred Lehde, Geschäftsführer Rostock Systemtechnik: Die heutige Luft- und Raumfahrtindustrie sieht sich in der Tradition von Messerschmitt und Heinkel. Für Rostock spielte es durchaus bei der Standortfindung von Airbus eine Rolle, dass die Stadt auf eine solche Technikgeschichte verweisen kann. Die verqueren Diskussionen tragen nicht dazu bei, das Rostock-Engagement der Wirtschaft zu verstärken.
Erst die Leistung, dann die Facetten
Hans Jürgen Wendel, Rektor der Universität: Heinkels Leistungen haben ihn in die Lexika gebracht. Er steht dort als Techniker, nicht als Kriegsverbrecher. Es sind die Leistungen, dann die Facetten, die eine Persönlichkeit ausmachen. Heinkel war zuerst Luftfahrtpionier und dann der problematische Mensch, der sich mit dem Nationalsozialismus auf seine Weise arrangiert hat.
Aufarbeitung der Industriegeschichte
Rolf Paarmann, Präsident der IHK Rostock: Wir müssen bei der Aufarbeitung der deutschen Industriegeschichte daran denken, dass die überwiegende Mehrheit der Großbetriebe mit der Kriegsproduktion beschäftigt war. Das bedeutet, dass Firmen wie BASF oder Daimler-Benz erheblich mit dem Nationalsozialismus verstrickt waren. Das gilt auch für Heinkel, und das muss seriös aufgearbeitet werden.
Neues Terminal: "Hans von Ohein"
Bernd Blumenthal, Geschäftsführer des Flughafens Rostock-Laage: Wenn wir uns bemühen, Hochtechnologie anzusiedeln, dann schadet es dem Standort Rostock, wenn außerhalb festgestellt werden muss, wie gedankenlos wir mitunter mit unseren Industriedenkmälern umgehen. Das neue Terminal des Flughafens Rostock-Laage werden wir nach dem genialen Heinkel-Ingenieur Hans von Ohein benennen.
Seeflughafen auf der Warnow
Roland Methling, Mitglied des Förderkreises Luft- und Raumfahrt: Die Hanse-Sail hat mit dem Seefliegertreffen einen weiteren Aspekt der Wirtschaftsförderung erschlossen. Es gibt Pläne, in Rostock einen Seeflughafen neben dem alten Heinkelgelände einzurichten. Touristen könnten z. B. per Wasserflugzeug nach Peenemünde fliegen, um dort auch die Wiege der Raumfahrt kennenzulernen.
Ein Heinkel-Museum für Rostock
Ernst-Georg Thoms, Präsident des Unternehmerverbandes: Schließt man die Heinkel-Ausstellung, müsste auch das Museum Peenemünde geschlossen werden, was Unsinn wäre. Als Sohn eines ehemaligen Heinkel-Werkers bin ich ganz entschieden der Meinung, dass es Rostock gut zu Gesicht stehen würde, kämen wir zu einer ständigen Heinkel-Ausstellung, die die noch stehende Heinkel-Werksmauer integrieren sollte.
Heinkel macht uns unverwechselbar
Harald Lochotzke, Unternehmer: Wir müssen eine Gesellschaft entwickeln, die funktioniert. Dazu gehört die Besinnung auf das Woher, um das Wohin genauer bestimmen zu können. Identifikation mit unserer Region ist dabei ein Teil, und davon ist das epochale Ereignis Heinkel auch ein Teil. Den sollten wir für das Standortmarketing nutzen. Er hebt uns von anderen Konkurrenten ab, macht uns unverwechselbar.
Schweriner Volkszeitung-Rostock
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