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19.09.2002
"Rechtes Handeln muss geächtet werden" - SVZ-Serie: "Wir halten zusammen gegen Rassismus - Hasst du Freunde?"
Schwerin Leben in einer Demokratie: Die Einen marschieren, die Anderen machen Wahlkampf, wieder Andere protestieren, die Nächsten schauen zu und Weitere langweilen sich... Wie bekommt man alle zusammen, um sich gegen populistische rechte Parolen und deren lebensgefährliche Auswirkungen zu positionieren? SVZ geht in einer kleinen Serie unter dem Motto "Wir halten zusammen gegenRassismus - Hasst du Freunde?" dem Thema nach.
Frage: Dr. Evgueni Rabinovitch, woher kommen Sie?
Rabinovitch: Ich komme aus Russland, aus der Stadt Rostow.
Frage: Warum sind Sie nach Deutschland gekommen?
Rabinovitch: In Russland nimmt der Antisemitismus sehr stark zu. In Rostow wurde z. B. die Synagoge angezündet und deren Fenster mit Steinen eingeworfen. Jüdische Friedhöfe werden dort immer wieder geschändet. Ich hatte auch oft in Krasnodar zu tun. Dort sind sogar die Gouverneure Antisemiten. Sie erlauben sich, Juden öffentlich zu beleidigen. An allem, was dort schief geht, sollen die Juden Schuld sein. Das stimmt nicht, weil wir ja gar nicht in der Verwaltung sitzen. In Krasnodar kann man an jeder Straßenecke Bücher mit antisemitischen Inhalten und Hetzschriften gegen Juden kaufen und sogar die Litfaßsäulen sind voll gepflastert mit Aufrufen wie: "Juden raus!" oder "Schlagt sie tot!" Mir selbst ist zum Glück nichts passiert, aber angesichts dieser massiven Tendenzen entschloss ich mich dann doch zur Ausreise.
Frage: Wie lange sind Sie jetzt schon in Deutschland?
Rabinovitch: Ich lebe hier seit etwa zwei Jahren.
Frage: Wie gefällt es Ihnen in Schwerin?
Rabinovitch: Das Leben hier ist leichter als in Russland. Mein größtes Problem ist allerdings, dass ich keine Arbeit finden kann. Ich bin Doktor der Mathematik. Das ist hier sogar anerkannt worden. Dennoch finde ich keine Anstellung. Ich würde ja auch Nachhilfeunterricht geben. Hauptsache, ich muss nicht mehr zu Hause sitzen.
Frage: Haben Sie Kontakte zu Deutschen?
Rabinovitch: Leider kenne ich bislang nur nur sehr wenige Deutsche. Da ist eigentlich nur die Lehrerin, die mir privat die deutsche Sprache beibringt.
Frage: Warum ist es so schwierig für Sie, zu Deutschen Kontakt zu bekommen?
Rabinovitch: Vielleicht liegt das daran, dass sie kein Interesse daran haben, mit jemandem zu sprechen, der noch nicht so perfekt Deutsch kann. In Rostow gab es Tadschiken, die lebten auf der Straße. Für diese Menschen hat sich dort keiner interessiert. Vielleicht ist das hier auch so. Vielleicht sind wir hier diejenigen, für die sich keiner so richtig interessiert.
Frage: Fühlen Sie sich minderwertig?
Rabinovitch: Nein, ich bin selbstbewusst. Ich weiß, was ich kann und ich hätte gern mehr deutsche Freunde. Aber dafür muss man wohl sehr gut deutsch können. Unsere Söhne und Enkel werden sich leichter integrieren können. Sie lernen schon von Klein auf die Sprache.
Frage: Am Sonnabend marschiert die NPD in Schwerin. Wie definieren Sie Antisemitismus?
Rabinovitch: Das ist Hass auf Juden, ohne Grund und ohne Bewusstsein.
Frage: Und was ist für Sie Rechtsextremismus?
Rabinovitch: Antisemitismus ist darin mit eingeschlossen, Rechtsextremismusgeht noch viel weiter. Hier kommt noch der Hass auf alles andere hinzu: andere Hautfarbe, andere Nasenform, andere Sprache...
Frage: Spüren Sie hier im Alltag rassistische oder antisemitische Tendenzen?
Rabinovitch: Dafür kann ich die Feinheiten der deutschen Sprache noch nicht gut genug verstehen.
Frage: Sehen Sie extremistische Gefahren?
Rabinovitch: Zunächst gibt es da historische Beispiele. Eigentlich wird Deutschland als eine kulturelle Nation gesehen. Doch dann kam Hitler und prägte von vielen Menschen das Bewusstsein mit der Idee, dass es Menschen zweiter Sorte geben soll - Juden, Schwarze, Sinti und Roma. Viele Deutsche folgten ihm und das kann wieder passieren, wenn damit nicht sofort Schluss gemacht wird.
Frage: Wie kann man mit dieser Idee Schluss machen?
Rabinovitch: Das Denken kann man natürlich nicht verbieten. Aber öffentlich muss rechtsextremes Handeln geächtet werden. Auch die NPD muss verboten werden, denn sie hat eindeutig neonazistische Ideen und Ziele.
Schweriner Volkszeitung
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