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18.09.2002
"Die Atmosphäre ist nicht offen" - SVZ-Serie: "Wir halten zusammen gegen Rassismus - Hasst du Freunde"
Schwerin Leben in einer Demokratie: Die einen marschieren, die anderen machen Wahlkampf, wieder andere protestieren, die nächsten schauen zu und weitere langweilen sich... Wie bekommt man alle zusammen, um sich gegen populistische rechte Parolen und deren lebensgefährliche Auswirkungen zu positionieren? SVZ geht in einer kleinen Serie unter dem Motto "Wir halten zusammen gegen Rassismus - Hasst du Freunde?" dem Thema nach.
Frage: Camille Segla De Souza, Sie kommen aus Togo. Warum haben Sie Ihre Heimat verlassen? Welche Probleme hatten Sie dort?
De Souza:Seit 1962 wird Togo von ein und demselben Herrscher regiert. Ich habe mich 1992 der Opposition angeschlossen. Dann wurde das Leben immer gefährlicher. Es gab überall Streiks, keine Schule, keinen Rhythmus im Leben, keine Arbeit. Alles war chaotisch. Die Polizei schlägt einfach zu. Es herrscht dort mehr als Krieg, nämlich Willkür. Sie können dich jeder Zeit erschießen oder tot schlagen.
Frage: Wann sind Sie dann nach Deutschland gekommen?
De Souza:Das war 1996. Zuerst war ich in Bremen und wurde dann für den Asylantrag nach Boizenburg geschickt. Dort habe ich Asyl beantragt und bin dann nach zwei Wochen nach Schwerin transferiert worden. Ich werde hier in Deutschland wie ein Krimineller behandelt. Zum Beispiel muss man da bleiben, wo man angemeldet ist, man kann nicht weg. Aber ich bin jung, ich habe Kraft - warum darf ich nicht arbeiten? Ich muss zum Sozialamt gehen und dort Geld beantragen und es wird gesagt: Die wollen ja nicht arbeiten. Aber das stimmt nicht. Ich möchte gern arbeiten, aber ich darf nicht.
Frage: Haben Sie Freunde in Schwerin gefunden?
De Souza:Die Atmosphäre ist nicht offen. Ich bin schon lange hier, aber ich habe keine deutschen Freunde gefunden. Es ist schwer, Kontakt zu den jungen Leuten zu bekommen.
Frage: Wie kann man das ändern?
De Souza:Ich weiß es nicht. Das dauert lange. Viele junge Leute hier wollen nichts mit Ausländern zu tun haben. Aber für uns ist die Realität anders. Wir fühlen uns nicht als Ausländer. Das ist nur ein Wort. Wir sind auch Menschen. Die Gesetze hier gelten für mich genauso wie für die Deutschen, sie haben für alle Vor- und Nachteile. Ich bin jetzt hier unter dem Schutz des deutschen Gesetzes, das mir hier den Aufenthalt gewährt. Aber auf der anderen Seite bin ich immer noch Ausländer - für mich ein Widerspruch.
Frage: Am Sonnabend will die NPD hier demonstrieren. Wer ist in Ihren Augen ein Rassist?
De Souza: Oh - das sind Leute, die Menschen nicht mögen. Warum können wir Menschen keinen Kontakt aufnehmen, um uns auszutauschen über unsere Ideen und Kulturen? Rassismus ist, wenn Menschen andere Kulturen nicht anerkennen und nur ihre eigene Kultur zum Maßstab aller Dinge machen. Aber ich denke jetzt, die Welt ist offen für alle Menschen und alle Kulturen, aber nicht alle wissen das. Ich selbst finde es angenehm und bereichernd, mit anderen Menschen Ideen auszutauschen, Ratschläge zu geben und zu bekommen, zu geben was ich habe und zu empfangen. Es sind doch armselige Menschen, die nichts als ihre eigene Kultur kennen und akzeptieren.
Frage: Was ist für Sie Rechtsextremismus?
De Souza:Hier sind viele junge Leute und viele von ihnen denken rechts. Die Erwachsenen nehmen ihre Verantwortung nicht wahr. Ich sehe viele Jugendliche, die nichts machen wollen. Sie wollen nicht arbeiten, nur trinken und zerstören. Aber wenn man ein Ziel hat, wenn man für sich selbst und für sein Land arbeitet, dann wird man doch nicht zum Extremisten. Sie sind hier in ihrem Land - sie haben hier viele Möglichkeiten etwas zu tun, aber sie wollen gar nichts. Sie sagen einfach, die Ausländer kommen hier her und nehmen die Arbeit weg. Wenn ich in meinem Land bin, kann ich niemals sagen, ich hätte nichts zu tun. Nun, wir können die Menschen hier nicht ändern, das muss jeder für sich selbst entscheiden.
Frage: Sie haben gerade eine kleine Familie gegründet...
De Souza:Jetzt sehe ich wieder Licht. Ich bin dankbar für meine Frau und mein Baby und ich will für meine Familie arbeiten. Ich will zeigen, wer ich bin und was ich leisten kann.
Frage: Was ist das, was Sie zeigen wollen, wer Sie sind?
De Souza: Sechs Jahre konnte ich nichts machen. Ich konnte mich nicht bewegen, nicht arbeiten. Ich ging nur zum Sozialamt, um Geld zu bekommen. Aber ich bin jung und stark. Jetzt kann ich hart für meine Familie arbeiten.
Schweriner Volkszeitung-Schwerin
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