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14.04.2004
Im Schutze der Öffentlichkeit terrorisiert - Foto-Ausstellung im Dokumentationszentrum Prora

Soll Geschichte ruhen? Gibt es Zukunft ohne Vergangenheit? "Vor aller Augen" ist damals geschehen, was heute noch für viele Antworten auf solche Fragen verantwortlich ist. Eine Ausstellung sagt mehr dazu.

Prora. "Terror, das war in Berlin. Wie bei Ihnen hier, in der Ausstellung ,Topographie des Terrors'. In der Provinz aber war alles anders." Dr. Andreas Nachama, Direktor der gleichnamigen Stiftung in Berlin, kennt das Argument, wenn er in seiner Ausstellung durch die Reste der Gestapo-Keller der früheren Prinz-Albrecht-Straße 8 führt. "Mich hat das so geärgert, dass wir einmal alle rund 1231 Archiven Deutschland anschrieben. 1038 immerhin haben geantwortet und gewählt wurden Bilder aus 186 Archiven. Es ging uns um Material der Provinz".

Viele der Fotos seien aus der Täterperspektive entstanden, woraus letztlich 120 Fotografien ausgewählt worden seien, die nun in Prora im Dokumentationszentrum neben der Diskothek hängen. "Vor aller Augen" heißt diese und zeigt den Terror in nahezu jeder x-beliebigen deutschen Straße. Ebenso hängen könnte dort auch jenes Foto vom Gingster Marktplatz mit der Frau, die als "Judenhure" auf einem umgehängten Schild beschimpft nach Bergen in die "Schutzhaft" kam. Wegen des angeblich aufgebrachten Pöbels. Natürlich bekam sie die Haare geschoren. Eine Aktion, wie auf drei Prozent der im Dokumentationszentrum gezeigten Fotos. "11 Prozent Anteil bilden die Verfolgung in der Machtergreifungsphase ab. 13 Prozent sind antijüdische Fotos bis 1938, 33 Prozent beziehen sich auf den Novemberpogrom und 17 Prozent handeln von Verhaftung und Deportation", so Nachama. Bilder, die vor aller Augen entstanden und die Beantwortung der Frage, wer etwas gewusst hat, dem Betrachter selbstredend überlässt. Das Publikum der Aktionen jedenfalls ist meist abgebildet. Und die Fotos entstammen häufig den Archiven ortsansässiger Fotografenmeister, deren Enkel sich davon schamhaft trennten.

Ernst Heilmann, Enkel des gleichnamigen und nach mehreren KZ-Aufenthalten umgekommenen SPD-Fraktionsführers im preußischen Landtag, zog bei der Ausstellungseröffnung als stellvertretender Ver.di-Landesbezirksleiter Nord noch einen anderen Schluss. Vor einer Woche stellte er in einer Pressemitteilung den Zusammenhang zum Komplex Prora und Zwangsarbeitern her und erinnerte nun auch daran, dass der Geschichtsort Prora erhalten werden müsse. "Diese Gebäude dürfen keinen privaten, kommerziellen Interessen überlassen werden", so Heilmann.

Beim anschließenden Rundgang durch die umfangreichen und am historischen Ort gehängten Tafeln entspannen sich nach erster Führung durch Andreas Nachama durchaus kontroverse Debatten. Vor allem Proraner empfinden nach wie vor die Konfrontation ihres Wohnortes mit Themen das Nationalsozialismus als belastend. "Warum nicht mal auf die Verbrechen der Amis schauen?" sagte eine Besucherin, die ungenannt bleiben wollte. "Warum immer wir Deutschen?" "Warum andererseits nicht?", wurde entgegnet. "Hier geht es doch um unsere Geschichte und um das Weitergeben an die nächste Generation." Und, am Rande waren sich die Diskutanten einig, dass das Gingster Foto in Gingst heute auch niemand mehr freiwillig ausstellen würde. Auch nicht in akribisch geführten Ortschroniken. Dafür braucht es einen unabhängigeren Ort.

A. KÜSTERMANN

Ostseezeitung-Rügen

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