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29.01.2004
Der Dschungel von Parchim - Asylbewerber leben in baufälligen Baracken im Wald - Gemeinden verweigern Aufnahme
Der Dschungel liegt im Kreis Parchim. Jeweils drei Kilometer von der Landstraße und zwei Stunden Fußmarsch vom nächsten Supermarkt entfernt leben knapp 250 Asylbewerber in einem ehemaligen Ferienheim für Kinder und einer alten Kaserne der NVA. Peeschen und Tramm. Einige Gebäude sind baufällig, andere mit Stacheldraht umzäunt. "Die Dschungelheime müssen geschlossen werden", fordert das Innenministerium. Der Kreis ist in der Pflicht, doch die Suche nach Alternativen ist schwierig. Nachbarn aus der Fremde sind in den Gemeinden nicht willkommen.
von Matthias Hufmann
Chuckwudi Akubuo hat alles versucht, um auf die Asylbewerber in den abgelegenen Wäldern aufmerksam zu machen. Er schrieb an amnesty international und die Vereinten Nationen, sammelte Unterschriften und organisierte Proteste. Seit fast zehn Jahren wohnt der Nigerianer, immer noch von Abschiebung bedroht, im Heim Peeschen bei Sternberg. In seinem Zimmer pfeift der Wind durch den Fensterrahmen, regelmäßig fällt der Strom aus. Die Baracken aus DDR-Zeiten sind nicht winterfest.
Umzug in ehemalige Kaserne geplant
Doch wohin mit den Asylbewerbern? Das Land hat den Druck auf den Kreis erhöht. Über den Leiter des Parchimer Ordnungsamtes, Frank Leuschner, lässt das Landesamt für Asyl- und Flüchtlingsangelegenheiten mitteilen, dass die Gemeinschaftsunterkunft Peeschen Ende Januar geschlossen wird. Die Bewohner sollen nach Tramm bei Crivitz ziehen.Das Problem ist damit jedoch nicht gelöst. In den ehemaligen Kasernenblöcken müssen sich schon jetzt bis zu vier Personen ein Zimmer teilen, das Heim liegt mitten im Wald. "Wir kommen von einem Dschungel in den nächsten", sagt Akubuo. Gemeinsam mit anderen aufgebrachten Asylbewerbern will er gegen die Zusammenlegung demonstrieren.
Im Amt Parchim hätte man nichts dagegen, wenn wieder Ruhe einkehren würde. Der Kreis braucht Zeit für seine Werbetour. Bislang haben die Gemeinden deutlich zu verstehen gegeben, dass sie keine Asylbewerberheime wollen. In Dabel zum Beispiel weigerten sich die Gemeindevertreter, das Baurecht zu ändern, damit der leerstehende Plattenbau als Gemeinschaftsunterkunft genutzt werden kann. Den Bürgern wird es recht sein: In einer Befragung stimmte ein Großteil der Dabeler gegen das Heim.
14 Prozent Leerstand - trotzdem Absage
Auch in Dargelütz hatte der Kreis zwei geeignete Gebäude mit 170 Plätzen gefunden. Diesmal stellte sich der Bürgermeister an die Spitze der Kritiker. 170 Asylbewerber seien zuviel für den Ort, sagte Bernd Rolly bei einer Beratungsrunde im Herbst. Mit seiner Absage verzichtet er auf viel Geld. Als Bürgermeister hätte er 50000 Euro an Schlüsselzuweisungen für die neuen Einwohner erhalten, als Aufsichtsratsvorsitzender hätte er 5000 Euro Miete für die Wohnungsbau GmbH Parchim eingenommen. Die Wobau ist Eigentümerin von zwei Wohnblocks, in denen Asylbewerberheime geplant waren. Mieteinnahmen und Schlüsselzuweisungen ziehen nicht als Argument, eben so wenig sanierte Plattenbauten, mehr Kinder für die bedrohte Schule oder treffsichere Verstärkung für die Fußballteams. Die Gemeinden blocken und kommen damit durch, selbst bei einem Wohnungsleerstand von 14 Prozent.
Der Landkreis favorisiert inzwischen eine Lösung vor der eigenen Haustür. In Parchim wurde ein Objekt mit 180 Plätzen gefunden. Mit möglichen Investoren wird verhandelt. Der Unterschied zu Dabel und Dargelütz: Das gemeindliche Einvernehmen ist bereits erteilt worden. In Parchim reicht dafür das Okay aus der Verwaltung - der befürchtete Aufschrei in der Stadtvertretung fällt damit aus.
Alternative erfüllt die Mindestnormen
Mit einer Entscheidung für Parchim könnten die festgelegten Mindestnormen für Lage, Größe und Ausstattung von Gemeinschaftsunterkünften erfüllt werden. Das Land hätte sich durchgesetzt, der Kreis seine Schuldigkeit getan, die Gemeinden hätten sich erfolgreich gedrückt.Und Chuckwudi Akubuo? Das Innenministerium hat den Umzug der Asylbewerber von Peeschen nach Tramm kurzfristig abgesagt. Keine Demos, keine Polizei. Die zuständigen Behörden wollen sich heute in Schwerin treffen, um über die Zukunft der beiden Heime zu sprechen. Bis zum erhofften Umzug nach Parchim bleibt vermutlich alles beim Alten. Hauptsache im Dschungel herrscht Ruhe.
Hintergrund
Zahl der Asylbewerber in MV sinkt
Die Zahl der neuen Asylbewerber geht seit Jahren zurück. 2001 kamen noch 2658 Menschen nach MV, 2002 waren es 2114, im vergangenen Jahr 1493. Nach einem festgelegten Schlüssel werden die Neuankömmlinge auf die Landkreise verteilt. Im dritten Quartal 2003 hielten sich nach Mitteilung der Ausländerbehörden 3558 Asylbewerber in MV auf. Die meisten von ihnen kamen aus dem Togo (690), der Türkei (617), Serbien und Montenegro (483) sowie aus dem Irak (445). Am Stichtag 30.9.2003 lebten darüber hinaus 2402 ehemalige Asylbewerber mit Duldung im Land, die vor allem aus Armenien (468), Serbien und Montenegro (449) sowie aus Vietnam (328) stammen.
Neben Peeschen und Tramm genügten auch andere Heime nicht den Ansprüchen. Geschlossen wurden Eichenthal in Nordvorpommern (93 Plätze), Kossebade (35/Landkreis Parchim), Drüsewitz (160/Kreis Bad Doberan), Garz (87/Ostvorpommern) und auch Trollenhagen (150/Neubrandenburg).
Schweriner Volkszeitung
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