|
15.01.2004
Silvester 2004 kein Krawall - Wie soll das gehen? Bürgerdiskussion zur Silvesternacht in Güstrow
Güstrow (hjk) Silvester 2004 soll es in Güstrow keine Krawalle geben. Das ist der Wunsch einer Bürgerdiskussion. Groß jedoch ist die Skepsis, dass das realisiert werden kann. Erstes Ergebnis ist die Wiederbelebung des Präventionsrats. Kein Signal kam von der Polizei.
Christian Beerbaum, der am Dienstagabend ins Rathaus geladen hatte, zog das Fazit ("Kommentiert"). Erfreulich war für den Gewerbetreibenden, dass Emotionen nicht überschwappten. Trotzdem blieb für ihn offen, wie Gewerbetreibende und Bürger künftig besser geschützt werden können. Der Präventionsrat soll aber ein Mittel werden. Zuvor steht, dass alle ihre Verantwortung wahrnehmen müssen: Eltern, Schule, Stadt, Polizei, ... Die Erfahrungen mit einem Präventionsrat sind allerdings nicht die besten: Mangels Beteiligung seit 1994 verschwand er in der Versenkung. Hans-Joachim Görns, 2. Stadtrat, erinnerte daran.
Für Olaf Klevenow ist das, was passiert, nicht güstrow-typisch, sondern das hat gesamtgesellschaftliche Ursachen: fehlendes Geld, nicht genügend Polizisten, Probleme in gut situierten wie sozial belasteten Familien, keine Streetworker, kaum noch Respekt vor Lehrern geschweige denn vor der Polizei - inzwischen auch nicht vor ehrenamtlichen Feuerwehrleuten.
Wenn das so oder ähnlich zusammenkomme, erreiche man die Jugendlichen, die in diesem Kreislauf seien, nicht mehr, weiß Gerlind Sell, Leiterin der 5. Regionalen Schule.
Andreas Moritz, der die Nacht miterlebte, forderte als Stadtvertreter seine Kollegen auf, keine weiteren sozialen Kürzungen im Etat zuzulassen. Er wie auch Anke Doll und Sylvia Lange wollen eine zeitnahe Bestrafung der Täter (siehe Hintergrund) und kein Abschieben der Verantwortung auf die Bürger.
Folke Dedering, Unternehmer, fühlt sich allein gelassen. Der materielle Schaden, der ihm entstanden ist, kommt noch dazu. Er schlägt gemeinnützige Arbeit solcher Straftäter in den Firmen vor.
Wiederbelebung des Präventionsrates
Gerhard Papke will, dass das Bildungsinstitut der Polizei in Güstrow mehr einbezogen wird. Knut Abramowski, Leiter der Polizeidirektion Rostock, will vermitteln. Die Wiederbelebung des Präventionsrates begrüßte er sehr, weil er die Arbeit der Polizei erleichtert. Auf die mehrfach von Christian Beerbaum gestellte Frage, was die Polizei Silvester 2004 zu tun gedenke, antwortete der Polizeichef nur verklausuliert. Natürlich könne die Polizei ein friedliches Silvester 2004 garantieren. Zwischen den Zeilen heißt das: Die Polizei rückt mit entsprecheder Stärke an. Aber: Das dürfe es nicht sein, sei keine Lösung, die liege in der Gemeinsamkeit der Aufgabe. Es müsse doch z. B. möglich sein, mit diesen Jugendlichen zu sprechen, so Abramowski.Das will auch Angelika Harff. Sie möchte diese Jugendlichen einladen, etwas erfahren, ähnlich wie im Klecks-Beitrag. Stadtjugendpflegerin Thora Nacke riet ab. Aus Erfahrung. Höchstens Einzelgespräche seien möglich.
Annamaria Düvel, Amtsgerichtsdirektorin, verwies auf das SVZ-Gespräch mit Prof. Prüß und betonte, dass die Gesetze nicht zu lasch seien. Auch die Nähe zur Tar sei da. Jugendstrafverfahren liefen nicht länger als drei Monate von der Anklage bis zur Strafe. Die Zeit bis dahin habe allerdings die Staatsanwaltschaft zu verantworten. Die war aber nicht eingeladen.
Andreas Brunotte, 1. Stadtrat, kündigte an, dass im Etatentwurf 2004 80 000 Euro für einen Sicherheitsdienst eingestellt werden. Des weiteren soll die Ordnungsbehörde mehr allgemeine Ordnungswidrigkeiten verhindern.
In einem waren sich am Ende aber alle einig: Silvester-Krawalle dürfen in Güstrow keine "Tradition" werden.
Hintergrund
Wir hatten bereits informiert, was aus den Ermittlungen zu Silvester 2002 geworden ist. Hier noch einmal die Aussagen der Staatsanwaltschaft Rostock: Das Verfahren wegen fahrlässiger Brandstiftung ist eingestellt, weil der oder die Täter nicht ermittelt werden konnten. Das wegen Widerstands gegen Vollzugsbeamte und Sachbeschädigung - gegen David R. - ist eingestellt. David erhielt eine Ermahnung und muss den Schaden am Auto ersetzen. Das Verfahren gegen sieben Jugendliche wegen Landfriedensbruchs läuft dagegen noch.
Kommentiert
Es gibt viele, die sich der wachsenden Gewalt und Zerstörungswut entgegenstellen. Das ermöglicht die Wiederbelebung eines zu einem Papiertiger mutierten Präventionsrates. Das ist aber gut. Blass blieb die Polizei, so wie Silvester, 23.30 Uhr als trotz Befehls kein Grüner an der Post auftauchte. Da fehlte ein klares Wort, was sie für Silvester 2004 unternimmt. Ansonsten bekundeten alle, dass die Aufgabe nur gemeinsam gemeistert werden kann. Allein der Glaube fehlt vielen, denn immer mehr macht sich Machtlosigkeit breit.
Hans-Jürgen Kowalzik
Schweriner Volkszeitung-Güstrow
|