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07.01.2004
Ein Dorf vom Terror regiert
Jamel bei Wismar wird seit 1992 von Rechten terrorisiert. Brandstiftungen, Einbrüche, Körperverletzungen. Neubürger werden
gezielt vertrieben. Der Bürgermeister wehrt sich.
Jamel (OZ) Die Idylle hat sie hergelockt. Der Blick vom Hügel am Ortseingang. Sanft schmiegt sich das Dörfchen Jamel an den Wald. Bei Wismar. Am Rande des Klützer Winkels. Hier, so glaubten sie, lässt sich prima leben.
Die Träume sind aus. Die Existenz des jungen Paares aus Lübeck ist zerstört. Das Eigenheim, das sie sich im Frühjahr gekauft hatten, ist im Oktober abgebrannt. "Am Tag, als wir einziehen wollten", sagt Simone B. - Brandstiftung. Täter wurden nie ermittelt, aber in der rechten Szene vermutet. Verfahren eingestellt. Nun wohnt das Paar wieder in Lübeck. Zur Miete. Enttäuscht von Gemeinde, Kreis, Land, Polizei. "Die haben uns ins offene Messer laufen lassen", sagen sie. Nach Jamel zurück wollen sie nicht. Angst.
Verkaufen werden sie auch nicht können. Nach Jamel will kaum noch jemand. Neubürger aus Rostock, Wismar, Hamburg, Ratzeburg, Lüneburg wurden vertrieben. Der Hass trifft jeden Zugereisten. Der Bürgermeister der Gemeinde Gägelow, Fritz Kalf (71), zu der neben Jamel acht weitere Dörfer gehören, hat resigniert: "Wer da bauen will, kriegt keinen Kredit." Dann könnten die Banken das Geld auch zum Fenster rauswerfen.
In Jamel, so glaubt Kalf, habe der Staat sein Gewaltmonopol verloren. Eine Schande sei das. Wenn er sowas sagt, wird in Ministerien, Amtsstuben, Polizeidirektionen die Stirn kraus gezogen. Langsam gilt der SPD-Mann als Querulant. Seit 1992 kämpft er einen einsamen Kampf gegen Rechts. Der Terror begann am 20. April. 120 Glatzen feierten 1992 in Jamel Hitlers Geburtstag. Und sie bedrohten die Familie G. im Ort. Damals schnappte sich Kalf sein Schrotgewehr und eilte den Menschen zu Hilfe. Ein Provinzbürgermeister im Einsatz. Geholfen hat es wenig. 1996 flüchtete Familie G. Damals brannte das Haus zum ersten Mal. Später verkaufte die Gemeinde die Immobilie an ein Paar aus Hamburg. Die blieben nur kurz. Dann kamen die beiden Lübecker. Begrüßt wurden sie mit einem Graffito: "Verpisst euch!" Das haben sie nun getan.
Nicht die einzigen Delikte. Ein Paar aus Gägelow wurde so lange bedroht, bis es floh. Ein Student, der sich im Forsthaus einmietete, wurde verprügelt. Dann brannte hinter dem Forsthaus ein Schuppen. Der Student ist fort. Rostocker, die sich niederlassen wollten, wurden drei Mal ausgeraubt. Sie suchten das Weite. Der Gutshausbesitzer hat aufgegeben. Sein Grundstück ist eine wilde Müllkippe.
Im Juli schauten sich Interessenten ein Haus am Dorfrand an. Einen Tag später brannte es bis auf die Grundmauern nieder. Sie kamen nie wieder. Kalf schrieb Briefe nach Schwerin, setzte sich mit dem Kreis Nordwestmecklenburg zusammen.
2003 zeigten Förster Wehrübungen im Wald an. Vermummte hatten Schützengräben ausgehoben, Schießübungen abgehalten. Nun fährt die Polizei verstärkt Streife, Beamte ermitteln, auch der Staatsschutz. Ergebnis: Ein Brand konnte aufgeklärt werden. Ein im Dorf bekannter Alkoholiker hatte gestanden. "Der war das nie", sagt Kalf.
Seitdem die Polizei verstärkt Präsenz zeige, sei nichts vorgefallen. So sieht es Kriminaloberrat Joachim Arlom von der Inspektion in Wismar. Die Kriegsspiele hätten aufgehört. Die letzte Brandstiftung ist drei Monate her. "Für uns ist es sehr schwierig, dort Straftaten aufzuklären", sagt Arlom. Was solle man denn noch tun? Das fragen Polizei, Kreis, Ministerien unisono. Für Innenminister Gottfried Timm (SPD) ist Jamel natürlich ein Problem. Besonders das Erscheinungsbild. Aber er weist darauf hin, "dass seit Jahren polizeilich sehr viel dagegen und gegen Rechtsradikale unternommen wird."
Anwohner beruhigt das nicht. Die Ruine sei geplündert, Diebstähle seien angezeigt worden. Doch nichts passiere. Vor wenigen Tagen wurden Rentner aus Gägelow verschreckt, die am Wald spazieren gingen. Vermummte versperrten ihnen den Weg. Wer ins Dorf kommt, wird von einem Grundstück, das mit einem Bauzaun umgeben ist, fotografiert. Schäferhund und Riesenschnauzer halten Fremde bellend auf Distanz. Ein Schild stoppt: "Sperrgebiet!" Vor drei Monaten hieß es noch: "Militärischer Sicherheitsbereich! Betreten verboten! Schußwaffengebrauch! Der Kommandant." Das Schild ist nun weg. Es hat sich was getan.
Von dem Grundstück, sagt Kalf, gehe der Terror aus. Dort wohnt Sven K. (28). Er hat das Erbe seines verstorbenen Vaters vorbildlich angetreten. Der soll mal gesagt haben: "In Jamel bestimmen wir, was passiert." Gegen Sven K. wurde 44 Mal polizeilich ermittelt. Fünf Verurteilungen. Unter anderem als Aufwiegler bei einem Angriff auf Campingplatz-Urlauber 1996. In Haft gesessen hat er selten. Auch als er - auf Bewährung draußen - erneut verurteilt wurde, blieb er frei. Darüber wird selbst in Schwerin der Kopf geschüttelt.
In Jamel wird gemunkelt, K. arbeite als V-Mann für den Verfassungsschutz. In der rechten Szene ist er eine Größe mit besten Kontakten. Rings um sein Grundstück herrscht Wagenburg-Stimmung. Angst vor neugierigen Blicken. Rechte wollen unter sich bleiben. "Und irgend jemand ganz weit oben hält die Hand über die Type", sagt ein Anwohner. Seinen Namen nennt er nicht. "Das ist hier Niemandsland", erklärt er. Ein Streifen, wo der Staat nichts zu sagen habe. Ärger kriegen nur Zugezogene. Und alle, die den Mund aufmachen.
Ostseezeitung
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