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23.12.2003
Etwas Angst sitzt immer im Nacken - Afrikaner angegriffen - Zuwanderer-Integration in Schwerin weiter auf Tagesordnung
Schwerin "Fidschis" oder "Neger", der Volksmund hat viele herabsetzende Bezeichnungen für ausländische Mitbürger. Erst vor zwei Wochen griffen Pöbler einen Afrikaner in der Straßenbahn an. Eine Ausnahme zwar, aber dennoch Symptom für bleibenden Handlungsbedarf in der Integrationsarbeit.
H.* fühlt sich auf den Straßen von Schwerin nicht mehr sicher. "Ich gehe abends nur raus, wenn es sein muss", sagt der 38-jährige Afrikaner, der seit sieben Jahren in der Landeshauptstadt lebt. Der Schock kam am 2. Dezember. H. war mit einer Bekannten in der Straßenbahn unterwegs, als ihn drei junge Männer mit "Guck mal, die zwei Neger hier" ins Visier nahmen und bedrohten.
Alltag in Schwerin? Zum Glück nicht, sagt Jana Rettschlag, Leiterin der RAA (Regionale Arbeitsstelle für Jugendhilfe, Schule und Interkulturelle Arbeit). "Es ist schon lange her, dass die Autos einiger Kollegen mit Hakenkreuzen besprayt wurden." Dennoch: Bei ihrer Arbeit mit Jugendlichen stößt sie oft auf Vorurteile über "die Ausländer". Da würden etwa, so Rettschlag, alle Fremden pauschal als "Fidschis" tituliert. "Wie verletzend das ist, darüber denken die Jugendlichen erst nach, wenn man sie darauf hinweist", erklärt Rettschlag. Auf gefestigte Fremdenfeindlichkeit treffe sie nur selten, die Vorurteile resultierten meist aus Unwissenheit. In der Tat: In der Schweriner Ausländerstatistik gibt es keine ehemaligen Bürger der Fidschi-Inseln.
4096 Ausländer aus 79 verschiedenen Staaten waren im Juni 2003 in Schwerin gemeldet, das ist ein Anteil an der Gesamtbevölkerung von 4,24 Prozent. Wenig, aber in MV der Spitzenwert. Mit den 1634 Spätaussiedlern - Deutschen im Sinne des Grundgesetzes - steigt der Zuwanderer-Anteil auf 5,93 Prozent. Bundesweit betrug der Ausländeranteil 2002/2003 8,9 Prozent. Andere deutsche Städte warten mit weit höheren Werten auf: Berlin 13,1 Prozent, Hamburg 14,8 und Bremen 12,5 Prozent.
Dass die gepöbelten Überfremdungs-Vorwürfe also blanker Unsinn sind, ist für H. kein Trost: Einem mit den Worten "Ihr seid Neger und hier ist Deutschland" nach seinem Gesicht gezielten Faustschlag habe er bei dem Straßenbahn-Zwischenfall nur durch Glück knapp ausweichen können. Ein Fahrgast versuchte vergebens, die drei Angreifer zu beruhigen - erst als weitere Afrikaner in den Waggon einstiegen, verließen die Pöbler die Bahn. H. hat dergleichen schon mehrmals erlebt, erst im Sommer in der Kieler Straße und vor wenigen Jahren abends auf dem Marienplatz. "Ich bin schon so oft als Affe beschimpft worden".
Dass es einen Farbigen getroffen hat, ist für Schwerins Ausländerbeauftragte Annette Köppinger schlimm, aber kein Zufall: "Rassismus macht sich am besonders fremdartigen Aussehen fest." In der Verwaltung kämen Vorfälle wie der vom 2. Dezember erst an, wenn es eigentlich zu spät sei. Deshalb sei die Arbeit des seit 1998 arbeitenden "Netzwerkes Migration" umso wichtiger, betont Köppinger: "Zuwanderer müssen eine Lobby haben."
Zwar seien massive Ausschreitungen gegen Ausländer, wie es sie Anfang der 90er-Jahre gegeben habe, inzwischen Vergangenheit, bilanziert Köppinger. Dennoch gebe es auch heute noch "eine unterschwellige Fremdenfeindlichkeit". Die Richtung, in der in Schwerin auf die Integration von Zuwanderern hingearbeitet werde, sei richtig. Köppinger: "Wir wollen, dass sich die einzelnen Gruppen nicht verzetteln, sondern untereinander vernetzen."
Auch der schon mehrmals bepöbelte und angegriffene H. will sich nicht ins Bockshorn jagen lassen: "Ich wünsche mir den Respekt für mich, den ich auch anderen entgegen bringe und möchte, dass meine Kinder hier ohne Angst aufwachsen können."
Philip Schroede
* Name geändert
Schweriner Volkszeitung
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