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19.11.2003
Prävention gegen Rechts zeigt Wirkung

Prävention gegen den Rechtsextremismus zeigt Wirkung, wenn alle gesellschaftlichen Kräfte zusammenstehen. Das lässt sich durch Zahlen belegen.

Schwerin (OZ) Die Wirksamkeit des Kampfes gegen den Rechtsextremismus war Thema der dritten länderübergreifenden Tagung der Präventionsräte der norddeutschen Flächenländer. 270 Experten aus Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein, darunter Staatsanwälte, Sozialarbeiter, ehrenamtliche Opferberater und Polizeibeamte waren dazu gestern nach Schwerin gekommen.

Erstmals lag den Experten wissenschaftliches Zahlenmaterial vor. Der Greifswalder Kriminologe Frieder Dünkel belegte, dass sich der Anteil von Schülern, die Ausländern ablehnend gegenüberstehen, in vier Jahren halbiert hat. Waren 1998 noch 20 Prozent der Schüler der neunten Klassen in Greifswald ausländerfeindlich eingestellt, waren es 2002 weniger als zehn Prozent. Dünkel zufolge ist dies auf zahlreiche Präventionsprojekte und einem neuen gesellschaftlichen Klima zu danken, dass durch die Vorbildwirkung akzeptierter Persönlichkeiten und die Aktivität vieler ehrenamtlicher Helfer geschaffen wurde.

Der Verfassungsschützer Michael Flenker nannte Zahlen zum Rechtsextremismus. Danach gibt es in Mecklenburg-Vorpommern 800 gewaltbereite Rechtsextremisten, 1000 in Niedersachsen, 550 in Schleswig-Holstein. Organisierte Neonazis gibt es in M-V 280, 350 in Niedersachsen, 70 in Schleswig-Holstein. In Parteien (NPD, DVU, Rep) organisiert sind in M-V weniger als 400, in Niedersachsen 2000 und 1400 in Schleswig-Holstein. Die Tendenz in allen Bereichen sei sinkend, sagte Flenker.

"Große Sorge bereitet uns allerdings die Bildung so genannter Kameradschaften," sagte der Schweriner Innenminister Gottfried Timm (SPD). Besonders in Rostock und den Kreisen Uecker-Randow, Nordvorpommern und Ludwigslust habe man es mit Gruppierungen zu tun, die sich spontan zu Aktionen treffen und ihr Gedankengut über rechtsextremistische Musik verbreiteten.

Über Hilfe für Aussteiger berichtete Staatsanwältin Katrin Ballnus aus Hannover. Dort haben man in zwei Jahren sechs Rechtsextremisten aus dem harten Kern der Bewegung lösen können. Dies sei durch das Zusammenwirken von Justiz, Bewährungshelfern und Polizei gelungen. Geld sei nicht geflossen, da nach dem Prinzip Hilfe zur Selbsthilfe verfahren wurde. Geholfen habe man unter anderem beim Umzug, dem Aufbau neuer privater Kontakte und bei der Arbeitsplatzsuche.

Problem der Präventionsarbeit aller Ländern ist die finanzielle Abhängigkeit von Einzelvorhaben. "Wir hangeln von Projekt zu Projekt", sagte Sozialarbeiter Thomas Schmidt aus Rendsburg-Büdelsdorf. Um dies zu umgehen, arbeiteten Streetworker als Dienstleister für alle Jugendliche, ob deutsche Rechtsextreme, russische Spätaussiedler oder in Deutschland lebende Türken. Schmidt: "Alle haben gleiche Probleme mit Perspektivlosigkeit, Gewalt oder fehlenden Ausbildungsplätzen." Führe man dies den Gruppen vor Augen, gebe es Ansätze zur Konfliktlösung.

KLAUS WALTER

Ostseezeitung

19.11.2003
Viele Opfer zeigen Täter nicht an - Experten fordern staatliche Hilfe - Fachtagung der Präventionsräte in Schwerin

Schwerin Laut einer Studie werden in Deutschland 64 Prozent aller Gewalttaten nicht angezeigt. Hauptgründe sind Angst vor den Tätern und mangelndes Vertrauen in den Rechtsstaat. Im Land soll der Opferschutz verstärkt werden. Doch es fehlt Geld.

Von Thomas Volgmann

Opfer von Straftaten bekommen in Mecklenburg-Vorpommern kaum Hilfe von staatlich organisierten und geförderten Einrichtungen. Lediglich in Rostock gibt es eine Opfer-Beratungsstelle. Dies sei zu wenig, sagte gestern der Strafrechtsexperte Wolfram Schädler auf einer Fachtagung norddeutscher Präventionsräte in Schwerin.

Umfragen würden belegen, dass sich Opfer von Straftaten häufig vom Staat allein gelassen fühlen. Die meisten von ihnen würden fehlende Informationen über das Verfahren gegen die Täter beklagen und sich mehr Beratung und Betreuung wünschen. "Opfer müssen kontinuierlich und sachkundig durch alle Phasen des Verfahrens begleitet werden", forderte Schädler. Nur so könnten Ängste vor einer neuen Straftat abgebaut und das Vertrauen in den Rechtsstaat wieder hergestellt werden.

Nach Angaben des Landeskriminalamtes (LKA) wurden im vergangenen Jahr 18145 Menschen in Mecklenburg-Vorpommern als Opfer schwerer Straftaten von der Polizei registriert. Die Dunkelziffer ist weit höher. Die häufigste Straftatbestände waren Körperverletzung und Raub. 1700 dieser Opfer waren Kinder im Alter unter 14 Jahren.

Der Landespräventionsrat Mecklenburg-Vorpommerns habe ein Konzept erarbeitet, um die staatliche Hilfe für Opfer auszudehnen, sagte dessen Geschäftsführer Armin Schlender. Ähnlich dem Rostocker Pilotprojekt sollten auch in anderen Städten Betreuungszentren geschaffen werden. Innenminister Gottfried Timm (SPD) verwies darauf, dass eine Finanzierung wegen der schwierigen Haushaltslage schwierig wird.

Prävention wirkt

Auf der Schweriner Fachtagung, an der etwa 250 Teilnehmer über Opferschutz und über Rechtsextremismus debattierten, würdigte der Greifswalder Kriminologe Professor Frieder Dünkel die geleistete kriminalpräventive Arbeit im Land. Neben der Gewaltbereitschaft sei auch die Zahl der Gewaltopfer an Schulen deutlich gesunken. Belegen würde dies auch eine Studie der Greifswalder Uni. Danach erklärten im vergangenen Jahr 15,7 Prozent der Schüler, mindestens einmal im Jahr Gewalt durch Mitschüler erleben zu müssen. Im Jahr 1998 waren es noch 17,1 Prozent. Zum Vergleich: In Hamburg gaben bei einer ähnlichen Studie 27,8 Prozent der Schüler an, einmal im Jahr Opfer von Gewalt zu werden.

Schweriner Volkszeitung

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