Presse-Schau

worüber wird in den Medien geschrieben?

zurück zu den News

07.11.2003
Im braunen Wurzelwerk - Seit elf Jahren spaltet ein Streit um Rechtsradikale einen kleinen Ort


Wie Neonazis sich in dem Mecklenburger Dorf Jamel eingenistet und regelmäßig ihre Nachbarn mit Terror in die Flucht gejagt haben

Von Arne Boecker, Süddeutsche Zeitung, 07.11.2003

Diese Geschichte spielt in zwei Häusern, die nebeneinander stehen. In dem einen treffen sich immer wieder Neonazis. Aus dem anderen Haus sind immer wieder Menschen entnervt ausgezogen, weil sie dort nicht in Ruhe leben konnten. Die Häuser liegen im mecklenburgischen Jamel. Seit elf Jahren spaltet der Streit das Dorf.

Jamel liegt abseits der Bundesstraße 105, die Wismar mit Grevesmühlen verbindet. Zwei Kilometer rumpelt man durch die Felder. Das Dorf sieht aus wie ein Hufeisen. Links ein paar Häuser, rechts ein paar Häuser, bevor die Straße auf das lang gestreckte Gutshaus stößt; dahinter geht es in den Wald. "Zur Wende haben hier 42 Leute gelebt", erzählt Bürgermeister Fritz Kalf, "heute sind es noch 20." In verlassenen Vorgärten türmen sich Müll und Schutt, überwuchert von Brennnesseln.

Diese Geschichte beginnt in der Nacht vom 19. auf den 20. April 1992. Bürgermeister Kalf hatte die Polizei informiert, dass Neonazis Adolf Hitlers 103. Geburtstag feiern wollten. Seit der Wende tummelten sich in Jamel immer öfter "militärisch-grün gekleidete Jugendliche und Männer, deren Köpfe kahlrasiert waren", wie sich ein früherer Bewohner erinnert. Die Gelage, untermalt vom rechtsradikalen "Radio Wolfsschanze", gingen nächtelang.

"Euch räuchern wir aus"

Bürgermeister Kalf wollte denjenigen helfen, die sich bedroht fühlen. Die Neonazis sammelten sich am Jameler Gutshaus. Dort wohnte die Familie K. Nebenan, in der Forststraße 10, lebte die Familie G. Sie gehörte zu den wenigen im Dorf, die sich nicht damit abfinden wollten, dass aus dem Gutshaus immer wieder rechtsradikale Musik und rechtsradikale Parolen herüber wehten. In der Zeit vor dem Hitler-Geburtstag waren den G.s ihre Enten totgefahren und ans Haus gehängt worden. In den Gartenzaun wurden Löcher geschnitten, die Reifen des Autos zerstochen. In den von ihnen geführten Kiosk wurde wiederholt eingebrochen.

Als sich am frühen Abend des 19. April etwa 120 Jugendliche und Männer vor dem Gutshaus versammelt und die Reichskriegsflagge gehisst hatten, rief Kalf aus dem Haus der Familie G. noch einmal die Polizei an. Schließlich waren die G.s bedroht worden: "Euch räuchern wir aus." Vier Beamte fuhren vor. Sie forderten den Bürgermeister auf, das Gelände zu verlassen. Kalf erinnert sich an den Vorwurf der Polizisten, er wirke "provozierend". Nach nebenan trauten sie sich nicht. Erst später in der Nacht beendeten 27 herbeigerufene Kollegen die Hitler-Party. Die Neonazis verschwanden im Wald. Vorher waren in Jamel Scheiben und Türen geborsten. Im Garten der Familie G. eine Puppe, der der Kopf fehlte.

Schon zu DDR-Zeiten waren die Familie K. und das Jameler Gutshaus auffällig geworden, allerdings nicht wegen nationalsozialistischer Umtriebe. Wenn Detlef K. Alkohol getrunken hatte, geriet er außer Rand und Band. "Sohn Sven hat er exakt nach seinem Bild geformt", sagt Fritz Kalf. Gegen den heute 30-jährigen Sven K. hat die Polizei in den vergangenen Jahren 44-mal Ermittlungen eingeleitet; verurteilt wurde er fünfmal. Im Juli 1996 hatten rechte Schläger eine Jugendgruppe aus Kleve überfallen, die auf einem Campingplatz am Plauer See übernachtete. Sven K. habe die Angreifer aufgewiegelt, befand das Gericht in seinem Urteil. Über Jamel wollte Sven K. mit dieser Zeitung nicht sprechen: "Da können Sie lange drauf warten!"

1996 hatte die Gemeinde Gägelow, zu der Jamel gehört, das Gutshaus "aus baupolizeilichen Gründen" dicht gemacht. Jetzt leben Mutter, Tochter und Sohn K. in einem Nachbarhaus. Vater Detlef kam im vergangenen Jahr bei einem Unfall mit seinem Pferdefuhrwerk ums Leben. Das Gutshaus gehört jetzt einem Westdeutschen. Ursprünglich hatte er Ferienwohnungen einrichten wollen, was ein paar Jobs ins Dorf gebracht hätte. Bald musste er jedoch feststellen, dass die Neonazis das Haus nicht aufgeben wollen. "Irgendwann habe ich aufgehört, Strafanzeige wegen Einbruch oder Diebstahl zu erstatten", sagt der Hausbesitzer, der anonym bleiben möchte. "Mir ist rätselhaft, wie ein Rechtsstaat das, was in Jamel passiert, so lange zulassen kann."

Etwa zur selben Zeit, als die Gemeinde das Gutshaus schließen ließ, kaufte sie das benachbarte Haus Forststraße 10, nachdem die Familie G. weggezogen war. Aber auch jetzt kam das Gebäude nicht zur Ruhe. 1996 wurde es angesteckt, 1997 verwüstet, zwei Mieter hielten es nicht lange aus. Im April dieses Jahres ersteigerten Auswärtige das Anwesen. Innerhalb kurzer Zeit wurde zweimal eingebrochen; am 3. Oktober brannte das Haus. Die Neubürger verließen Jamel wieder, seitdem verfällt die Forststraße 10. Im Garten liegt eine verkohlte Treppe, neben dem Haus rostet ein Schrottauto. Bald wird das Haus so aussehen wie das Gutshaus nebenan, das zugemüllt ist mit Gerümpel. "Lebensgefahr!", warnt ein amtliches Schild vor dessen Betreten. In den rußschwarzen Räumen findet sich ein Graffiti: "Ausländer stop".

Wenn man Jameler nach der Randale fragt, schlagen sie entweder die Tür zu oder sagen, dass sie kein Problem erkennen können. Tatsächlich scheinen die Krawallmacher nur diejenigen zu bedrohen, die sich offen gegen sie stellen. Die Häuser in Jamel sind schlicht. Auffällig ist allerdings, dass fast jedes Grundstück neue, robuste Zäune oder Stahlgitter sichern. Dahinter toben Hunde, vor denen auch die Respekt haben dürften, die nicht mal Respekt vor Polizisten haben.

Der Besitzer des Gutshauses spricht davon, dass "die Sache deshalb so gefährlich ist, weil man es beileibe nicht nur mit Idioten zu tun hat". Karin Kelz von der "Netzwerkstelle Wismar" hat beobachtet, "dass die jungen Rechten heute zur Schulung nach Lübeck gehen". Die Netzwerkstelle zählt zum "Civitas"-Projekt der Bundesregierung, das helfen soll, den Rechtsradikalismus einzudämmen. Bürgermeister Fritz Kalf spricht sogar von einem "braunen Netzwerk" und sagt: "Einige von denen sind militärisch gedrillt." Jäger hatten die Polizei in diesem Sommer darauf aufmerksam gemacht, dass in den Wäldern bei Jamel eine Wehrsportgruppe trainiert. Tatsächlich buddelte die Polizei Patronenhülsen aus, stieß auf Schützengräben und fand das Schild: "Vorsicht Schusswaffengebrauch! Der Kommandant". Außerdem stellte sie in Jamel einen Jeep sicher, an dem Symbole der Wehrmacht prangen; auf der Ladefläche lagen Waffen.

Wehrsport im Wald

Im Zusammenhang mit dem Wehrsport im Wald ermittelt die Polizei wegen "Verstößen gegen das Waffengesetz" und der "Bildung bewaffneter Gruppen", sagt Klaus Wiechmann, Pressesprecher der Polizeidirektion Schwerin. Weitere Ermittlungen, unter anderem wegen Brandstiftung, stünden "vor dem Abschluss".

Dass Jamel so abgelegen sei und viele der Straftäter von außen einsickerten, erschwere die Arbeit, sagt der Polizeisprecher. Bürgermeister Kalf zweifelt: "Von Ankündigungen habe ich genug. Ich will nur noch eins: dass der Terror endlich aufhört." Die vergangenen elf Jahre in Jamel sind ein Beispiel dafür, dass der Rechtsradikalismus sich in manchen Gegenden Mecklenburg-Vorpommerns dauerhaft eingenistet hat. Karin Kelz von der "Netzwerkstelle Wismar" sieht einen "rechtsradikalen Grundkonsens, der sich vielerorts verfestigt" hat. Das Bild von dem 14-jährigen Skinhead, der mit 18 "normal" wird, weil ihn Lehrherr und Freundin bedrängen, stimme nicht mehr. Auch der Besitzer des Gutshauses hat erkennen müssen: "Das Problem ist hier so tief verwurzelt und so weit verzweigt, dass man Westlern die Systematik kaum begreiflich machen kann." Fritz Kalf, der Bürgermeister von Jamel, ist 72 Jahre alt. Er sei von der Familie K. bedroht worden, sagt er. Der Vater habe ihn darauf hingewiesen, dass sein "Bauernhaus bestimmt schön brennt". Trotzdem sagt Kalf: "Ich habe keine Angst." Dann senkt er den Blick, nestelt an der Pfeife und sagt: "Aber meine Frau."

Süddeutsche Zeitung

diskutieren? auf ins Forum!