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10.09.2002
Piratenakt im Krach um Heinkel - Wiedereröffnung nach Verbot einer Ausstellung um den Flugzeugbauer

Rostock Es glich einem kleinen Piratenakt, als gestern um 10 Uhr Mitglieder des landesweiten Förderkreises Luft- und Raumfahrt eine Verbotskette wieder aufschlossen: Gut 100 Besucher kamen zur gerichtlich erstrittenen Wiedereröffnung einer Ausstellung zu 80 Jahren Heinkel-Flugzeugwerken in Rostock.

Der Streit um diese kleine Ausstellung in Halle 535 auf dem Gelände der alten Neptunwerft zu Ernst Heinkel (1888 - 1958) hat in der Hansestadt hohe Wogen geschlagen, von Image-Schaden ist die Rede. Vergangenen Mittwoch beschloss die Rostocker Bürgerschaft mit Stimmenmehrheit von PDS, SPD und Bündnis 90 eine sofortige Schließung der Ausstellung; die Fraktionen von CDU und Unabhängige Christliche Demokraten (UCD) sowie das PDS-Mitglied Sybille Bachmann stimmten dagegen.

In wortreichen Gefechten mit Befürwortern hatte Kultursenatorin Ida Schillen (parteilos für die PDS im Senat) kritisiert, die Ausstellung liefere ein "einseitiges Bild" und gehe "nicht auf die Rolle Heinkels als Kriegsverbrecher" ein. Maxi Malzahn (Fraktionschefin Bündnis 90) stellte hingegen fest, die "technokratische Aufarbeitung" erfolgte nach dem Motto "Technik ohne Konsequenzen" und spare das Kapitel Zwangsarbeit von KZ-Häftlingen in den Heinkel-Werken aus.

Hinweise von CDU und UCD in der Bürgerschaft, es finde "keine Glorifizierung des NS-Regimes statt", und die Stadt habe kein Recht, eine von einem Verein in privater Ausstellungshalle gezeigte Dokumentation zu schließen, verhallten. Donnerstag wurde vor "Heinkel" die Kette gehängt. Als Randnotiz sei erwähnt, dass nur zehn Prozent der Stadtvertreter der Bürgerschaft die Ausstellung überhaupt gesehen hatten.

Nach Gerichtsentscheid feierte gestern der veranstaltende Förderkreis Wiedereröffnung. "Wir verlängern die Ausstellung bis Sonntag, sie ist täglich von 10 bis 18 Uhr kostenlos zu besuchen", sagte Vereinsvorsitzender Dietrich Kruse gegenüber unserer Redaktion. "Unberechtigte Vorwürfe wurden gegen uns erhoben. Heinkel ist eine vielschichtige Persönlichkeit. Eine allumfassende Darstellung konnte unser kleiner Verein nicht leisten. Besonders haben wir die technisch-innovative Seite des Flugzeugbaus von 1922 bis 1945 beleuchtet. Die erhobenen Vorwürfe von Volksverhetzung und Geschichtsverfälschung haben keinerlei Grundlage."

Eine "überzogene Reaktion" nannte Rostocks Uni-Rektor Prof. Hans Jürgen Wendel das von Bürgerschaft und Verwaltung beschlossene Aus. Er hatte ob der Kontroverse die Ausstellung gestern besucht, auch im Wissen darum, dass Ernst Heinkel am 1. Dezember 1932 die Ehrendoktorwürde der Universität Rostock zugesprochen bekam; eine Ehrung, die einer eingehenden Prüfung nach 1990 standhielt. Prof. Wendel: "Nicht schließen, auseinandersetzen ist angeraten. Heinkel war zur Nazizeit weder besser noch schlechter als andere in vergleichbarer Position." Wer das sorgfältige Entnazifizierungsverfahren durch die Amerikaner von 1947 bezweifle, hänge dem DDR-Geist des kalten Krieges nach.

Schweriner Volkszeitung

10.09.2002
Kontroverse mit Fakten und Parolen - Heinkel-Ausstellung wiedereröffnet

Die Heinkel-Ausstellung ist wieder geöffnet. Bis Sonntag von 10.00 bis 18.00 Uhr kann sie jedermann in Halle 535 der alten Neptunwerft besuchen. Vom Amtsgericht Rostock wurde dem Förderkreis Luft- und Raumfahrt das Recht zuerkannt, die Dokumentation zu zeigen.

"Ich freue mich, dass mit der Heinkel-Ausstellung endlich ein Thema diskutiert wird, dem die städtischen Verantwortlichen bisher erfolgreich aus dem Weg gegangen sind, und hoffe, dass dadurch auch Bereitschaft eintritt, sich um die Grau- und Zwischentöne der Geschichte zu bemühen", sagte Dr. Volker Koos, Mitglied im Förderkreis. Der Heinkel-Kenner und Luftfahrtforscher gehörte zu den zahlreichen Interessenten, die zur gestrigen Wiedereröffnung von "Heinkel" geeilt waren. "Es ist nichts anderes, was man nicht auch in den Publikationen zu Heinkel nachlesen kann, zu sehen." 40 Jahre sei um Heinkel ein Mantel des Schweigens gelegt worden, man könne Geschichte nicht aus dem Weg gehen, sie verdrängen; Vertreter der Rostocker Geschichtswerkstatt seien noch nicht in der Bundesrepublik angekommen, es herrsche eine Betrachtungsweise auf DDR-Niveau. "Man kann nicht Fakten mit Parolen verwechseln", sagte Koos den NNN. "Es ist alles unsere Geschichte." Wer verbiete, fördere braune Tendenzen.

"Ich würde es gut finden, wenn mit der jetzt geschaffenen Aufmerksamkeit die Basis zu einer ständigen Ausstellung zur Luftfahrtgeschichte gelegt wird. Auch zur Häftlingsproblematik sind alle Materialien vorhanden." Zum Ansehensverlust der Stadt zähle nicht nur die kurzzeitige Schließung der Ausstellung, auch der jahrelange Stillstand rund um die Heinkel-Wand an der Lübecker Straße gehöre dazu, sie sei Denkmal ohne Nutzung. Das müsse sich ändern.

Auf dem Gelände hinter der Heinkel-Mauer ein Luftfahrtmuseum Rostock - kein Heinkel-Museum - einzurichten, sei eine wichtige Aufgabe, bekräftigte Dietrich Kruse, Vorsitzender des Förderkreises Luft- und Raumfahrt. "Man muss die Wurzeln kennen, wenn man etwas Neues will", sagte er mit Blick auf eine mögliche Basis der Zulieferindustrie aus der hiesigen Region für den Flugzeugbau der Gegenwart.

Schweriner Volkszeitung

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