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14.10.2003
Gewalt und Hass - ein Dorf in Angst - Jamel seit elf Jahren von Rechtsradikalen kontrolliert - Feuer, Einbrüche, Terror gegen Fremde - Kritik an Polizei
Wismar. Häuser gehen in Flammen auf, Jugendliche hissen Reichskriegsflaggen und bilden eine Kampftruppe, Einwohner werden terrorisiert, Auswärtige brutal vertrieben - seit elf Jahren regiert in Jamel die Gewalt. Die Rauchschwaden des letzten Zwischenfalls sind gerade erst verzogen. Ohnmächtig verfolgen die Einwohner das Treiben. Die Polizei steht im Kreuzfeuer der Kritik. Ein gespenstisches Dorf zwischen Grevesmühlen und Wismar.
Von Helge Ahrens
Im Garten liegt eine verkohlte Treppe. Das Gras ist mit Schuttbergen übersät. Vor dem Kellereingang wehen rot-weiße Absperrbänder. Fritz Kalf steht vor dem rosafarbenen Haus im Forstweg 10. Er wirkt verzweifelt, hilflos. Vergangenen Montag schlugen hier Flammen aus dem Keller. Wieder wabert beißender Brandgeruch über Jamel. Dem Bürgermeister der Gemeinde Gägelow fehlen fast die Worte: "Das zeigt, wie wehrlos wir sind." Der 72-Jährige zeigt durchs Dorf. Eine Hand voll Häuser, die meisten abrissreif. In einem Vorgarten stehen Gartenzwerge, daneben frisst sich eine Ziege durch das kniehohe Gras. Die letzten Spuren von Leben. Eine Hand schiebt sich durch den Vorhang im Haus gegenüber. Das Fenster schließt sich, die Gardine wird zugezogen. Zu sehen ist nur ein Schatten. Misstrauen. Furcht. Niemand will Ärger. Fritz Kalf ist der Einzige, der das eisige Schweigen durchbricht.
Chronologie des Schreckens
Wenn der Bürgermeister die unglaublichen Ereignisse der vergangenen elf Jahre schildert, klingt es wie eine Chronologie des Schreckens. Sie beginnt am Ostersonntag 1992. Es ist der 20. April. Der 103. Geburtstag von Adolf Hitler. In Jamel wird dieser Tag ausgelassen gefeiert. Im Gutshaus am Ende des Dorfes, aus dem regelmäßig Nazi-Lieder zu hören sind, ist eine Gedenkveranstaltung geplant. Bewohnt wird es von Familie K. Die Jamelner werden die Feier erdulden, die einzige aufmüpfige Familie wird gewarnt. "Heute räuchern wir euch aus", lautet die Drohung in Richtung Nummer 10. Die Familie hat sich immer wieder gegen die rechte Gesinnung im Nachbarhaus gewehrt und auch dagegen, dass Sven K. ihre Hühner jagte und auf den Gartenzaun spießte.
Fritz Kalf ahnt Böses. Mit einer Schrotflinte und zwei Mutigen verschanzt er sich im Haus der Familie G. Bis zum Nachmittag versammeln sich mehr als 120 kahl geschorene Jugendliche um ein Osterfeuer. Im Garten weht die Reichskriegsflagge. Vier Polizisten treffen ein. Sie rufen Verstärkung und flüchten ins Haus Nummer 10.
Dann entlädt sich die Gewalt. Warum, weiß niemand. Die Neonazis zertrümmern Fenster, treten die Tür ein, zerstören ein Auto. Im Garten baumelt eine Puppe mit abgeschnittenem Kopf. Als die Polizei mit 27 Kräften anrückt, flüchten die Jugendlichen in den Wald. Die Täter sind bis heute nicht ermittelt. Der Einzige, der Ärger bekommt, ist Fritz Kalf - wegen unerlaubten Waffenbesitzes. Gegen die wahren Täter fehlen die Beweise. Nicht zum letzten Mal in Jamel...
Die Gewaltspirale dreht sich weiter
Der Schock sitzt tief. Die Gewaltspirale im Dorf dreht sich weiter - der Hass richtet sich vor allem gegen Neuankömmlinge. 1993 verkauft die Gemeinde das Gutshaus an einen jungen Mann, der sofort mit der Dachreparatur beginnt. Seine Arbeit wird über Nacht zerstört. Am Ende wird er zusammengeschlagen. Immer wieder werden die eingeschüchterten Einwohner mit Nazisymbolen und Trinkgelagen konfrontiert. Im Herbst 1995 ist der Widerstand in der Forststraße 10 gebrochen. Familie G. zieht aus. Auch Familie K. verlässt Jamel. Sie muss das baufällige Gutshaus räumen. Dennoch geht der Terror weiter.
Im Juli 1997 taucht die Region bundesweit in den Schlagzeilen auf. Mehr als 30 Jugendliche fallen auf dem Campingplatz in Leisten über eine Kindergruppe und ihre Betreuer her - wenige Kilometer von Jamel entfernt. Ihr Anführer: Sven K., der immer wieder im Gefängnis landet.
Zwei Wochen später der nächste Schlag: Das Haus Nummer 10 wird verwüstet. Am Tag darauf werden am Gressower See zwölf Jugendliche festgenommen. Die Polizei spricht von einem harten Kern gewaltbereiter Nazis. Mittlerweile ist der Staatsschutz eingeschaltet. In Jamel wird einem Neueinzug vorgebeugt: Im August 1996 steht das Haus mit der Nummer 10 in Flammen. Die Gemeinde kauft die Ruine. Die nächsten beiden Mieter ergreifen nach gewaltsam beendeten Sanierungsversuchen die Flucht.
Zur Begrüßung eine Warnung am Haus
Dann kehrt ein wenig Ruhe ein. Abgesehen von einigen Ruhestörungen, Verwüstungen im Gutshaus und einer versuchten Brandstiftung gibt es keine Zwischenfälle. Sein Ruf eilt dem Dorf voraus. Die leer stehenden Häuser gelten als unvermittelbar, Bauherren meiden Jamel.
Im vergangenen Jahr droht das sensible Gleichgewicht wieder aus den Fugen zu geraten: Zwei Mieter sterben, zwei Häuser stehen leer. Eine der Gefahrenquellen löst sich auf mysteriöse Weise: Die Erben verschenken ihr Haus samt 3000 Quadratmeter Grundstück an Familie K., die nun direkt neben ihrem alten Gutshaus wohnt.
Das zweite Problem wird gewaltsam behoben. Einen Tag, nachdem eine Interessentin das Haus am Ortseingang besichtigt und sich zum Kauf entschlossen hat, brennt es bis auf die Grundmauern nieder. Auch die ahnungslose Hamburger Familie, die im April das Haus Nummer 10 ersteigert, bereut ihren Entschluss. Die Begrüßung in Jamel ist eine Warnung auf der Hauswand: "Verpisst Euch!"
Schüsse im Wald: "Wir sind noch da"
Die Botschaft "Wir sind noch da - und wir wollen keine Fremden" ist unüberhörbar. Im angrenzenden Everstorfer Forst wird scharf geschossen. Es habe sich eine "Wehrkampftruppe" gebildet, behauptet das Jagdkollektiv. Im Juni findet die Polizei Patronenhülsen, einen Schützengraben und Schilder mit der Aufschrift: "Vorsicht Schusswaffengebrauch." Die Unbekannten erklären den Forst zum Militärischen Sicherheitsbereich. Unterschrift: Der Kommandant. Die Neonazis spielen Krieg. In Jamel entdeckt die Polizei einen Kleinlaster und einen Jeep - in Armeefarben gespritzt und mit Symbolen der Wehrmacht versehen. Auf der Ladefläche liegen Luftdruckwaffen und Schreckschusspistolen. Der Staatsschutz registriert Auffälligkeiten im Umfeld von Sven K. Das Haus in Jamel wird durchsucht, doch die Bewohner sind ausgeflogen.
Die Hamburger Familie im Forstweg 10 hat keine Chance: Sie investiert 70000 Euro. Doch bei zwei Einbrüchen innerhalb weniger Wochen lassen die Diebe unter anderem das komplette Werkzeug mitgehen. Der Brand der vergangenen Woche bringt das endgültige Aus.
Hakenkreuz am Ortseingangsschild
"Das war noch nicht das Ende", glaubt Fritz Kalf. Er schaut sich im Gutshaus um. Die Fenster sind zerstört, durch das ins Innere ragende Gebälk plätschert der Regen, der Boden sieht aus wie eine Müllhalde. Hier fing alles an. Auf einer Tür prangt der Slogan "Ausländer stop". Der Schatten der Vergangenheit lässt sich nicht so leicht abwischen, wie das Hakenkreuz auf dem Ortseingangsschild.
Der Bürgermeister fährt so selten wie möglich nach Jamel. "Das macht einfach mutlos", sagt er. Die Gemeinde Gägelow habe sich prächtig entwickelt, "nur in Jamel habe ich versagt. Hier konnte ich nichts verändern. Das ist frustrierend".
Gleichzeitig kritisiert der Bürgermeister den fehlenden Einsatz der Polizei. "Der Brennpunkt Jamel ist seit Jahren bekannt. Immer wieder gab es leere Versprechungen, mehr Streife zu fahren", ärgert sich der 72-Jährige. Vielleicht sei die Polizei ja wirklich machtlos, vielleicht reichen die Gesetze tatsächlich nicht aus, solchen Verbrechern das Handwerk zu legen?, sucht Fritz Kalf nach Erklärungen. In den letzten Tagen hat er mit Justizminister Erwin Sellering (SDP) telefoniert, ebenso mit dem Staatsschutz. "Wir unternehmen etwas", heißt es. "Wie lange wird es noch dauern?", fragt Kalf.
Jamel liegt im Sterben
Wenigstens beschäftigt sich die Polizei nach den jüngsten Vorfällen - Einbrüche im Gutshaus, Brände, Anschuldigungen an Familie K., vier Anzeigen - mit dem Dorf. Am Wochenende ist eine interne Prüfung zu den Vorwürfen durchgeführt worden. Ergebnis: "Wir sind lagebedingt mehr Streife gefahren", beschreibt Klaus Wiechmann, Sprecher der Polizeidirektion, die Einsätze seit Jahresbeginn. Mit den Betroffenen sei vereinbart worden, bei Vorfällen sofort die Polizei zu rufen. "Wir nehmen das nicht auf die leichte Schulter."
Nach elf Jahren lässt sich möglicherweise die Gewalt aus dem Dorf vertreiben. Angst und Misstrauen bleiben. "Die Menschen kommen nicht zur Ruhe", sagt ein ratloser Fritz Kalf. Dafür wird das Dorf selbst immer ruhiger. Von den ursprünglich 41 Einwohnern sind noch 20 übrig. Früher oder später löst sich das Problem von selbst. Kalf: "Das Dorf liegt im Sterben."
Schweriner Volkszeitung
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