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09.09.2002
Bündnis: Hälfte der hiesigen Jugend ist betroffen - Parteien setzen auf Aufklärung - Bürgermeister will Video auswerten

Anklam. Der Rechtsextremismus in Ostvorpommern hat eine neue Qualität erreicht; das stellte anlässlich der jüngsten NPD- Demonstration in Anklam, (wir berichteten) eine Politikerrunde aus allen Parteien fest. "Es ist offensichtlich nicht mehr schlimm, so ,ein bisschen rechts` zu sein", erklärte Uwe Schultz (SPD).
Bürgermeister Michael Galander zeigte sich tief beeindruckt von einem Video, das beim Friedensfest des Bündnisses "Bunt statt Braun" gezeigt wurde und will dieses nun innerhalb der Stadtverwaltung und auch mit den Abgeordneten auswerten. Darin war eine Umfrage zu sehen, in der sich "ganz normale Anklamer" dazu bekannten, rechtsradikales Gedankengut zu hegen - dazu müsse man eben keine Bomberjacke tragen. Ein junger Mann nahm dort beispielsweise allen Ernstes an, bei einer Anklamer Einwohnerzahl von knapp 16 000 würden 3000 bis 4000 Ausländer in Anklam leben - und das sei nun wirklich zuviel.

"Kampf um die Köpfe"

Günther Hoffmann vom Bündnis Bunt statt Braun rückte dieses Bild zurecht - der Ausländeranteil in Ostvorpommern und auch Anklam liege bei etwa einem Prozent. Für hiesige Probleme könnten diese nun wirklich nicht verantwortlich sein. Aufklärung über derart simple Fakten sei in der Region mehr als notwendig. Deshalb habe der Verein sich die Prävention und Information auf die Fahnen geschrieben (wir berichteten).
Laut Hoffmann sind etwa 50 Prozent der Jugendlichen Ostvorpommerns "mehr als latent" anfällig für rechtsradikales Gedankengut. Meist sei es der Gruppendruck, der auf die Jugendlichen gerade kleiner Gemeinden einwirke.
In manchen Dörfern sei die komplette Jugend rechtsextrem eingestellt. Denn wer nicht neben den Anderen stehen möchte, müsse eben die gleichen Sprüche klopfen. Vereinschef Piet Oltmanns bestätigte die Auffassung von Uwe Schultz, dass sich ein latenter Rechtsextremismus in die Gesellschaft einschleiche, der oftmals gefährlicher sei als die Schlägereien, die noch vor wenigen Jahren die Schlagzeilen beherrschten. Hoffmann klärte auf, dass sich die Strategien der Rechtsradikalen geändert hätten. "Sie sind vom Kampf um die Straße auf den Kampf um die Köpfe umgestiegen", sagte er. Dabei ziehe es beispielsweise die NPD momentan gar nicht ernsthaft in Erwägung, in die Parlamente einzuziehen; eher verfolge sie mit einer Vielzahl von Auftritten den Zweck, langsam und schleichend als eine der ganz normalen Parteien zu erscheinen.

Frage nach dem Warum

Bernd Lange (FDP) erinnerte daran, dass radikale Parteien wie die NPD immer wieder "in gewissen Welle" erstarken, dann aber wieder in der Bedeutungslosigkeit versinken. Immer, wenn große gesellschaftliche Probleme wie jetzt die hohe Arbeitslosigkeit auftauchen, rufen viele Bürger nach einfachen Lösungen, wie die NPD sie scheinbar anbietet. "Die komplexen Lösungen werden oftmals gar nicht verstanden", so Lange.

Damit hätten es Rattenfänger einfach. Jürgen Stanschus (PDS) erklärte, dass es beispielsweise in Lassan keine offene rechtsradikale Szene mehr gebe. Unterschwellig sei das Gedankengut aber vorhanden. "Bei 25 Prozent Arbeitslosigkeit werden schnell Schuldige gesucht", bestätigte er Hoffmann und Lange. Frühprävention sei notwendig. Bernd Schubert (CDU), der als Bürgermeister von Ducherow auch mit dem Problem Rechtsextremismus vertraut ist, machte darauf aufmerksam, dass das solches Gedankengut auch bei Jugendlichen zu finden sei, die in Lohn und Brot sind. Man müsse sich die Frage nach dem Warum stellen. Er setze auf sachliche Gespräche und Aufklärung - allerdings auch für Politiker, oft erkenne man gewisse Anzeichen der Szene gar nicht.

Nordkurier-Anklam

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