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07.10.2003
Asylbewerber schildern ihre Schicksale - Verhaltene Resonanz auf Migranten-Forum
Neustrelitz (st). Trotz mehrsprachiger Einladung haben wenige Ausländer den Weg zum Migranten-Forum in die Scheune der Neustrelitzer Nehru-Schule gefunden. Selbsthilfe und Selbstorganisation der Migranten sollten während der Veranstaltung näher erläutert werden. Die zahlstärkste Ausländergruppe bildeten Asylbewerber aus Togo, denn Togolesen bieten mit ihrem Verein "Perspektive Togo" die einzige organisierte Migrantenorganisation in Mecklenburg-Strelitz an. Ihr Präsident Anthony Komlan Sitope gehört zu den politisch aktivsten Ausländern.
Begegnungsstätte dicht
Die von Asylbewerbern gegründete Trommelgruppe "Togo Biya" kam erbittert - und reichlich spät - in die Veranstaltung. Am Tag vorher hatten die togolesischen Asylbewerber erfahren, dass die Begegnungsstätte in der Tiergartenstraße, in der sie bis jetzt Trommelkurse für Deutsche und Ausländer anbaten, endgültig geschlossen wurde. Mit dem großzügigen Angebot aus der Kachelofenfabrik, vorläufig im Kino 2 die gutbesuchten Kurse anbieten zu dürfen, konnten sie sich nicht abfinden. Erst durch die Vermittlung der anderen Teilnehmer wurden Toni Alassani Minorou und Trommelpartner Pascale Soule Issifou klar, welche Vorteile dieser neue Begegnungsort für Musiker verschiedener Kulturen haben könnte. Erbittert und betrübt kam auch die junge Aserbaidschanerin Natella Kurbanowa in die Diskussionsrunde, denn am Morgen der Veranstaltung hatte sie durch die Ausländerbehörde erfahren, dass sie kurz vor der Abschiebung stand. Sie gehört zu den wenigen Asylbewerbern, die jede Gelegenheit nutzen, um deutsch zu sprechen und Kontakte zu knüpfen. Sie versucht, hier Fuß zu fassen und verdrängt alles, was in ihrem Land "nicht schön" ist. So werden die Zuschauer ihrer Ausstellung im Vorraum der Gaststätte im Landratsamt nur zwei Bilder aus Aserbaidschan wahrnehmen können. Den Rest hat sie im Tierpark zu Neustrelitz gezeichnet. In Baku erwarten sie eine Mutter, die sie aufgrund ihrer Auswanderung verstoßen hat, und der Status einer alleinstehenden verheirateten Frau. Vor zweieinhalb Jahren ist sie mit ihrem Mann zusammen geflüchtet, der mittlerweile getrennt von ihr und mit einer deutschen Frau zusammen lebt. Aufgrund seiner Desertion bei der Armee wird er von der aserbaidschanischen Polizei gesucht, "sie belästigen ständig seine Mutter, wenn ich zurückkehre, werden sie auch zu mir kommen", meint sie. "In Aserbaidschan bin ich ja verheiratet, selbst wenn mein Mann nicht mehr im Lande ist, also kann ich höchstens die zweite Frau von einem Mann werden, und das will ich nicht. Ich möchte meine eigene Familie gründen", erklärt die zierliche und resolute junge Frau. Unter den 16 Teilnehmern befanden sich nur zwei Spätaussiedlerinnen. "Spätaussiedler in Kiefernheide fühlten sich von der Einladung nicht angesprochen, denn sie sehen sich nicht als Ausländer, sondern als Deutsche" erklärte Uschi Weigel, die seit drei Jahren das Jugendintegrationsprojekt "LIFE" und somit 80 Aussiedler- und Spätaussiedlerfamilien in Kiefernheide betreut. Das Wort "Migrant" wurde auf der Einladung ins russische mit "Ausländer" übersetzt. Ein grober Fehler, denn Aussiedler werden in der Ausländerstatistik nicht erfasst und sind nach dem deutschen Vertriebenengesetz deutsche Bürger. "Als Deutsche sind wir auch aus unserem Land vertrieben worden", erinnerte eine Spätaussiedlerin, die ihr Überleben in Kasachstan mit bewegenden Worten schilderte.
Leitlinien erläutert
Themen der Veranstaltung waren die ausländische Bevölkerungsstruktur im Kreis, die neuen Leitlinien zur Integration im Land und die Selbstorganisation der Ausländer in Neustrelitz. Zu den Leitlinien äußerte sich Andrea Nienhuisen vom Mobilen Beratungsteam in Waren und warnte vor der Verharmlosung und Banalisierung rechtsextremistischer Kräfte im Landkreis.
Die am Abend gegründete Koordinationszelle zwischen Migranten und Einheimischen wird am 22. Oktober die Ergebnisse ihrer Diskussion am Runden Tisch der Lokalen Agenda 21 um 16 Uhr im Rathaussaal vortragen.
Nordkurier-Neustrelitz
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