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11.08.2003
Stark machen gegen rechte Gewalt: Lobbi e.V. Neubrandenburg
Von Simone Rafael
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Grundlegend: Beratung |
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Die Öffentlichkeit informieren: Lobbi-Stand auf dem "Fest der Kulturen" in Peenemünde (August 2003) |
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Rechtsextremes Graffito an einem möglichen zukünftigen Asylbewerberheim in Wolgast |
Einmal in der Woche wird in Mecklenburg-Vorpommern ein Mensch von Rechtsextremen zusammengeschlagen (Durchschnitt im Jahr 2002). Es sind Menschen, die eine andere Hautfarbe haben, die alternativ leben, sich gegen Rechtsextremismus engagieren, behindert sind, aus der Neonazi-Szene ausgestiegen sind - oder die einfach nicht rechts sind. Der Verein Lobbi e.V. kümmert sich um die Opfer und macht sie stark.
Aufgelauert, angezündet
Lobbi e.V., die "Landesweite Opferberatung, Beistand und Information für Betroffene rechter Gewalt in M-V", hilft denen, die aus dem öffentlichen Bewusstsein meist herausfallen: Dem Togolesen, der in Pasewalk in der Disco tanzen war, dort zunächst auf der Toilette attackiert wurde und dem schließlich draußen vor der Tür ein Gruppe Rechtsextremer aufgelauert hat - inzwischen maskiert und bewaffnet mit Baseballschlägern. Oder dem 16-jährigen Punk, der in seinem Heimatort in Vorpommern von Rechtsextremen angegriffen wurde. Sie haben ihn durch die Stadt gejagt, sein Handy gestohlen und schließlich seine Irokesen-Frisur angezündet.
Rechte und Versorgung
Von den Übergriffen liest Kay meist in der Lokalpresse. Der 29-Jährige arbeitet für Lobbi e.V. in Neubrandenburg. "Selten melden sich Betroffene selbst bei uns", sagt er, "sie sind traumatisiert und von der Situation überfordert." Deshalb sucht Lobbi den Kontakt, und wenn die Betroffenen Hilfe wünschen, hilft Lobbi - theoretisch und ganz praktisch. Erst bespricht der Lobbi-Mitarbeiter mit dem Opfer: Wie geht es weiter? Welche rechtlichen Möglichkeiten gibt es? Bei Bedarf hilft Lobbi bei der Suche nach Rechtsanwälten oder Psychologen, unterstützt die Betroffenen im Umgang mit Behörden oder hilft beim Briefeschreiben, etwa, wenn es um Anträge für Entschädigungszahlungen beim Fond für Opfer rechter Gewalt der Bundesanwaltschaft geht.
Zeugensuche in der Disko
"Um dem Togolesen zu helfen, bin ich zum Beispiel in die Disco gefahren, wo der Übergriff im Dezember passiert ist", erzählt
Kay, "die Täter waren ja in der Disco vor dem Übergriff. Dort habe ich die Türsteher, Angestellten und Stammgäste befragt, ob jemand etwas aufgefallen ist, ob jemand einen Täter identifizieren kann - Zeugensuche." Im Gespräch kann ein Opferberater mehr herausbekommen als ein Polizist im Dienst - und überzeugender vermitteln, warum eine Aussage gegen die Täter wichtig ist.
Handy für die Sicherheit
Der alternative Jugendliche im zweiten Fall hatte nach dem Übergriff Angst, auf die Straße zu gehen. Er wollte Ostvorpommern verlassen, nach Berlin ziehen. "Da saß ich mit ihm und seiner Mutter auf dem Sofa und habe überlegt, wo er hin kann in einer fremden Stadt", sagt Kay. Schließlich wollte der 16-Jährige doch bei seinen Eltern bleiben. Allerdings brauchte er sein Handy zurück - um das Gefühl zu haben, Hilfe rufen zu können, falls wieder ein Angriff passiert. Das Handy hatte die Polizei beim Täter beschlagnahmt. "Dann rufen wir bei der Polizei an und klären das", sagt Kay.
Verbündete finden
Neben der konkreten Fallarbeit versucht Lobbi, Solidarität und Unterstützung für die Betroffenen in der Region zu erreichen. "In Mecklenburg-Vorpommern gibt es viele gut organisierte Neonazi-Kameradschaften. Es gibt ländliche Regionen und Stadtteile, in denen man mit Sicherheit angegriffen wird, wenn man zu einer der Opfergruppen gehört. Es gibt den Alltagsrassismus der Bevölkerung, der sich jetzt gerade in der Diskussion um neue Standorte für Asylbewerberheime äußert. Hier ist es schon ein Erfolg und für die Betroffenen eine Hilfe, wenn sich irgendjemand öffentlich auf ihre Seite stellt und sich für sie ausspricht", sagt Kay. Deshalb versucht Lobbi die Presse, die Ausländerbeauftragte oder Gewerkschaften als Fürsprecher zu gewinnen.
Stark machen
Weil es aber am besten wäre, wenn Rechtsextremismus nicht so verbreitet wäre in Mecklenburg-Vorpommern, versuchen die Lobbi-Leute auch präventiv zu wirken - etwa, indem sie potentielle Opfergruppen stärken. Das kann heißen, die im Land untergebrachten Flüchtlinge bei der Selbstorganisation zu unterstützen "Hier fehlt alles", sagt Kay, "es gibt nicht mal Rechtsberatung in den Asylbewerberheimen. Es redet auch niemand mit den Flüchtlingen, wenn es um neue Standorte für die Heime geht." Deshalb hat Lobbi selbstorganisierte Flüchtlinge aus Brandenburg zum Gespräch eingeladen, als inspirierendes Beispiel.
Für alternative Jugendliche veranstaltet Lobbi mit verschiedene Initiativen der Region das "Ajuca", das alternative Jugendcamp. "Es ist ein Ort, an dem Jugendlichen sich kennen lernen. Sie können merken, dass sie nicht allein sind", sagt Kay, "und wir machen sie fit, ihre eigenen Interessen wahrzunehmen."
Vogel-Strauss-Taktik
Die praktischen Anstöße zur gelebten Demokratie sind wichtig, denn die meisten erwachsenen Verantwortungsträger haben noch kein Bewusstsein dafür, welche Bedrohung Rechtsextremismus für die demokratische Kultur und die Lebensqualität ihre Region ist. "In Parteien, in der Kirche und Gesellschaft wird Rechtsextremismus auf Gewalttaten reduziert - wenn nichts passiert, gibt es kein Problem", sagt Kay. Den Erfolg einer solchen Vogel-Strauß-Taktik zeigt neben der Zahl der Übergriffe die ständigen Schändungen von jüdischen Friedhöfen, die gesprühten rechten Hetzparolen an Häuserwänden, der Alltagsrassismus in der Diskussion um Asylbewerberheime. Kay selbst ist Neubrandenburger und will seine Region nicht den Rechtspopulisten wie -extremen überlassen.
Der Verein Lobbi besteht seit 2001. Er setzt sich zusammen aus drei Beratungsteams mit je zwei festangestellten und einigen ehrenamtlichen Beratern und Beraterinnen, die in Rostock, Schwerin und eben Neubrandenburg sitzen. Die Mitarbeiter kommen aus den Bereichen Sozialpädagogik, Jugendarbeit und antirassistischer Arbeit. Alle zwei Monate gibt es Weiterbildungen, damit die Teams inhaltlich und methodisch immer auf dem neusten Stand sind. Finanziert werden die Opferberatungsstellen über das Bundesprogramm CIVITAS.
Mut gegen rechte Gewalt
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