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06.08.2003
"Ich habe keine Angst vor Usedom" - Mitarbeiter für Zentralrat der Juden vermisst aber auch ausreichend Widerspruch gegen Rechte
Von unserem Redaktionsmitglied Uwe Reißenweber
Ostvorpommern/Berlin. "Nein. Ich habe keine Angst, nach Usedom zu fahren". Der das sagt, ist Mitarbeiter für den Zentralrat der Juden in Deutschland, heißt Dr. Peter Fischer und ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Historisch-Technischen Informationszentrums (HTI) Peenemünde. "Ich sehe aber das Problem, dass in der Region rechte Auffassungen von Bevölkerungsteilen unwidersprochen hingenommen werden". Das, so Fischer, halte ihn aber nicht ab davon, die Auseinandersetzung mit der Geschichte auch und gerade in Peenemünde zu suchen. Ganz im Gegenteil - es motiviere ihn sogar dazu.
Brennpunkt Insel
Den bekannten Soziologie-Professor Natan Sznaider vom Academic College of Tel Aviv und den Hamburger Publizisten Günther Jacob wie berichtet nicht. Ihr Schluss ist umgekehrt: Auch weil sie um ihre persönliche Sicherheit auf Grund der von ihnen konstatierten "unerträglichen Allgegenwart der braunen Schläger" auf der Insel und dem Verständnis, das jenen viele Usedomer entgegenbrächten, fürchten, haben sie eine für gestern geplante Diskussionsrunde im Rahmen des Begleitprogramms zur Peenemünder "Wehrmachtsausstellung" abgesagt. Was auch überregional zu Schlagzeilen führte. Zugleich warfen sie dem HTI vor, dass das Rahmenprogramm auf eine "Verwischung des Unterschiedes zwischen Tätern und Opfern des Nationalsozialismus" ziele. Und: Vor Ort hätten jene das Sagen, "die gleich nach 1990 die Chance sahen, den (!) Kult um die Nazi-Rakete zu kommerzialisieren".
Gewiss kämen "viele unpolitische Nudeln", meint dazu Peter Fischer. Aber man müsse die Leute eben an dem Bahnhof abholen, an dem sie angekommen sind. "Ohne Ausstellung, die sicherlich noch zu verbessern ist, hätten wir das Bettenmuseum auf dem Gelände und diese andere Seite dominierte Peenemünde", plädiert er für seine Auffassung von der Auseinandersetzung mit der Geschichte.
Um Leib und Leben fürchten müsse niemand, betont auch PDS-Landrätin Barbara Syrbe. Die rechten Aktionen in der Region seien eindeutig zurückgegangen. "Obwohl die Szene so aktiv ist, dass sie mir Sorgen macht", räumt sie als eine der "Offiziellen" Ostvorpommerns ein, denen die beiden Autoren Sznaider und Jacob auch vorwerfen, dass es ihnen nur darauf ankomme, dass nichts passiert, was zu einer überregionalen Meldung führen könnte. "Es gibt kein Gebiet in Deutschland, wo es kein braunes Gedankengut und latente Fremdenfeindlichkeit gibt", meint sie dazu. Die Einschätzung des auch für den Verfassungsschutz zuständigen Innenministeriums variiert da etwas: "Zweifellos ist der Landkreis Ostvorpommern mit der Insel Usedom und den dortigen Kameradschaften ein Brennpunkt im Land. Aber es gibt schon seit längerem keine besonderen Vorfälle wie brutale Übergriffe mehr", schätzt Ressort-Sprecher Christian Lorenz ein.
Vorwürfe relativiert
Keine besonderen Vorfälle. Auch gestern beispielsweise war die Bundesstraße 110 aus Usedom kommend Richtung Ahlbeck wieder gesäumt von Postern der rechtsextremen Szene gegen die in Peenemünde gezeigte Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944". Und auf dem Ahlbecker Grenzmarkt - auf deutscher Seite - werden immer noch Karten der Region verkauft. In den Grenzen aus der Zeit der Nazi-Diktatur.
"Überzogen" findet Vize-Landrat Armin Schönfelder (CDU) die Kritik des Wissenschaftlers und des Publizisten. Um die Sicherheit zu gewährleisten, habe man bei der jüngsten Demo der Rechten in Peenemünde am Wochenende "weder Kosten noch Mühen gescheut". Zum Verwaltungs- und sogar zum Oberverwaltungsgericht sei man gelaufen, um die vorgesehenen Auflagen durchzusetzen, ruft Schönfelder in Erinnerung. "Wir tun alles Erdenkliche, um die Sicherheit zu gewährleisten."
Publizist Günther Jacob hält indes den Umgang mit der Geschichte durch das HTI weiter für falsch. Das Sowohl-als-Auch, das der Technikbegeisterung und der Vernichtung von Menschenleben ein Gleichgewicht verschaffe, sei nicht hinnehmbar. Und: Erinnern könne man sich auch ohne die zur Schau gestellte Nazi-Rakete. Aber wenn dies Museumsleiter Dirk Zache anginge, sei er wahrscheinlich nicht mehr lange Museumsleiter. Zache sei mittlerweile schon fast eingebunden in die Umstände vor Ort. Deren Bild, das er sich von ihnen macht, hat Jacob gestern aber doch relativiert: Vielleicht sei die Darstellung, dass auf Usedom "alle Nazis sind", in dem fünfseitigem Absage-Brief nicht gelungen. Unbestritten gebe es auch auf der Insel sicher viele Leute, "die zivilgesellschaftliche Standards befördern".
Nordkurier-Usedom
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