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06.08.2003
"Fehlende Kommunikation" - Torgelow: Erneut tätliche Auseinandersetzung zwischen Deutschen und Aussiedlern
Von unserem Redaktionsmitglied Lutz Storbeck
Torgelow. Unbekannte sind in der Nacht zum Dienstag in die Wohnung zweier 26-Jähriger in Torgelow eingedrungen und haben die beiden Bewohner mit Reizgas und einem Baseballschläger angegriffen. Bei den Eindringlingen handelte es sich laut Polizei um Aussiedler. Beim Eintreffen der Polizei seien die Angreifer geflüchtet. "Es waren sechs bis sieben Personen", teilte Frank Seelbinder, Leiter des Kriminalpolizei-Kommissariates Pasewalk, mit. Weitere Einzelheiten wollte der Kriminalist aus ermittlungstaktischen Gründen nicht nennen. Er ist aber überzeugt, dass die Angelegenheit "zu hundert Prozent aufgeklärt wird".
Schon in der Vergangenheit hat es solche tätlichen Auseinandersetzungen zwischen jungen Aussiedlern und Einheimischen in Torgelow gegeben. "Darunter auch einige Körperverletzungen", wie Frank Seelbinder bestätigte.
Erst jüngst gab es eine Gerichtsverhandlung gegen einen der Aussiedler, der einen Torgelower krankenhausreif geprügelt hatte - ohne erkennbaren Anlass (Nordkurier berichtete). Ebenfalls noch nicht lange zurück liegt eine Prügelei zwischen Aussiedlern und Deutschen, bei der in der Drögeheider Discothek "Holiday In" mehrere Personen verletzt worden sind.
Täter auf beiden Seiten
Diese Dinge seien allerdings nicht urplötzlich entstanden, "da spielten immer irgendwelche Beziehungskisten rein", erklärte der Kriminalist. Es liege vermutlich mehr oder weniger an der "fehlenden Kommunikation der Jugendlichen untereinander". Nicht vergessen werden dürfe bei der Beurteilung des Geschehens, dass es "Straftäter auf beiden Seiten gibt", betonte Seelbinder, denn meistens werde die Schuld für die Konflikte allein bei den Aussiedlern gesucht. Dennoch, sagte Seelbinder, wolle er diese Auseinandersetzungen nicht als Schwerpunkte bezeichnen.
In Torgelow leben zurzeit 500 bis 600 Aussiedler, sagte Eduard Wollberg, der Vorsitzende des Aussiedlerbeirates. Dabei handelt es sich um Deutsche, Russen und Ukrainer. Die meisten davon bemühen sich darum, sich in das Leben in Deutschland zu integrieren. Das sei nach Auskunft von Wollberg aber nicht immer ganz leicht. "In Russland waren wir die Deutschen, zum Teil auch die Faschisten - nun hier in Deutschland sind wir die Russen", erklärte Eduard Wollberg. Viele Einheimische kennen einfach die Geschichte nicht. Mitunter wuchern deshalb Vorurteile - die auch verbal zum Ausdruck gebracht werden - gegen die Neuankömmlinge. Damit umzugehen, sei besonders für junge Leute nicht einfach. "Es gibt da mit Sicherheit provokatives Verhalten von beiden Seiten", vermutete Karl-Heinz Swoboda, der als Chef des Berufs- und Qualifizierungszentrums der Wirtschaft (BQZW) auch viel mit Aussiedlern zu tun hat. In dieser Tätigkeit hat Swoboda die Bekanntschaft von vielen jungen Leuten gemacht, die nach Sprachausbildung und Lehre in Betrieben der Region arbeiten. "Von da gibt es nur Lob", sagte der BQZW-Chef.
Was die jüngste tätliche Auseinandersetzung betrifft, sei er "gegen jede Form von gewaltsamen Problemlösungen", betonte Swoboda. Er geht davon aus, dass es sinnvoll wäre, die jungen Leute an einen Tisch zu bekommen, um über das Thema zu reden. "Dazu müsste man natürlich die jungen Leute kennen", sagte Swoboda. Das wiederum ist nicht ganz einfach, denn in Städten bilden sich unter jungen Leuten - nicht nur bei den Aussiedlern - oftmals Cliquen, die einen Ehrenkodex haben und sich nicht in die Karten schauen lassen, sagte Kriminalist Seelbinder. Eine Möglichkeit, um mit den jungen Aussiedlern ins Gespräch zu kommen, sei der Aussiedlerbeirat, sagte Marlies Boldt, die in dem Gremium mitarbeitet. Was den jüngsten Fall angehe, so werde man versuchen, herauszufinden, wer daran beteiligt war. "Wir werden mit denjenigen reden und auch mit den Eltern", sagte sie. Zuvor jedoch suche man den Kontakt zur Polizei, um herauszufinden, was genau passiert ist.
Das Gremium will indes nicht nur warten, bis es zu solchen Vorkommnissen kommt. "Wir planen zum Beispiel ein Treffen mit Schulklassen, in denen Aussiedlerkinder sind, um miteinander zu reden", sagte Marlies Boldt.
Nordkurier-Ueckermünde
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