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04.08.2003
Bereits 7000 Besucher sahen Wehrmachtsausstellung

Peenemünde (dpa) Der Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Tilo Braune, und Mecklenburg-Vorpommerns Justizminister Erwin Sellering (beide SPD) riefen nach dem Besuch der Wehrmachtsausstellung in Peenmünde zum verstärkten Engagement gegen Rechtsextremismus auf. "Es ist wichtig, Farbe zu bekennen gegen Rechts", sagte Braune. Gerade in Peenemünde zeige sich die Zwiespältigkeit von technischem Fortschritt und den furchtbaren Möglichkeiten seines Missbrauchs.

Sellering zeigte sich zufrieden darüber, dass die Wehrmachtsausstellung so positiv aufgenommen worden sei. Seit Eröffnung der Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944" am 24. Juli wurden bereits 7000 Besucher registriert.

Eine Demonstration von Rechtsextremisten in Peenemünde ist am Samstag ohne Zwischenfälle verlaufen. Zu der Aktion waren 190 Demonstranten angereist. An einer Gegenveranstaltung hätten sich etwa 30 Personen beteiligt.

Ostseezeitung

04.08.2003
Erinnern statt verdrängen - In Peenemünde wird die Wehrmachtsausstellung erstmals an einem authentischen Ort gezeigt

Peenemünde Die Wehrmacht plante an dem streng abgeschirmten Küstenstreifen ihre größten Rüstungsprojekte. Als der Zweite Weltkrieg längst verloren war, starteten von Peenemünde aus raketenbetriebene "Wunderwaffen" und forderten in England tausende Opfer. 60 Jahre später ist die viel diskutierte Wehrmachtsausstellung auf dem ehemaligen Gelände der Heeresversuchsanstalt zu sehen - erstmals an einem geschichtsträchtigen, authentischen Ort.

Von Kai Gerullis

Der Gegensatz könnte kaum größer sein: Der Weg nach Peenemünde führt durch schmucke Seebäder mit luxuriösen Feriendomizilen. Doch wer die äußerste Westspitze Usedoms erreicht, entdeckt hauptsächlich Ruinen. Reste einer gigantischen Waffenschmiede des Dritten Reiches. 15000 Zwangsarbeiter fanden hier einst für die Rüstungsproduktion den Tod.

Über allen Gebäuden thront das ehemalige Kraftwerk. Riesig, bedrohlich und unzerstört. Wo ab 1942 die Energie für die Raketenforschung erzeugt wurde, strömen heute Besucherscharen in die Wehrmachtsausstellung - mehr als 6000 sind es nach einer Woche.

Es riecht nach Maschinenöl. Auf dem schweren Kran hoch oben an der Decke prangt ein Typenschild, Baujahr 1941. "Vorsicht unter schwebenden Lasten" warnt eine Tafel an der Wand. Der Ladebaum ist lange nicht mehr im Dienst, jetzt füllen die Lasten der Vergangenheit den Raum.

Zwei Schülerinnen stehen vor riesigen Tafeln. Sprachlos starren sie auf Dokumente, die Erhängte zeigen, Minsk 1941. Um den Hals tragen die Menschen das Schild "Wir sind Partisanen und haben auf deutsche Soldaten geschossen." Ein Schlaglicht der Ausstellung. "Das sind schon ganz schön krasse Bilder", meint Manuela Höfner (15). "Ich finde es aber sehr gut, dass die Ausstellung gerade in diese Räume geholt wurde. So ist man etwas näher dran. Es ist so unglaublich schwer, dass alles nachzuvollziehen", meint die Schülerin aus Pasewalk.

Über den Zweiten Weltkrieg und seine Gräuel weiß sie nur wenig. Erst im nächsten Schuljahr ist für sie die Nazi-Zeit Thema. "Ich schaffe leider nicht, mir alles durchzulesen. Dann platzt mein Kopf", sagt Klassenkameradin Nancy Röder (14). Tondokumente, Fotos, Filme, Interviews mit Tätern und Opfern, viel Text auf strahlend weißen Wänden - ein scharfer Kontrast zu den rußgeschwärten Mauern rundum. Die Besucher können die Ausstellung multimedial erfassen. Am Beispiel der Kriegsschauplätze im Osten und in Südosteuropa dokumentiert die Ausstellung sechs Dimensionen des Vernichtungskrieges: Vom Völkermord an den sowjetischen Juden bis zu Deportationen und Zwangsarbeit. Sachlich, nicht ideologisch, wenig emotional; so das Konzept der Macher, des Hamburger Instituts für Sozialforschung.

Mit der umstrittenen ersten Wehrmachtsausstellung, die bis 1999 über 800000 Besucher anzog, hat das in Peenemünde Gezeigte nicht mehr viel gemein.

3,3 Millionen von 5,7 Millionen russischen Kriegsgefangenen starben an der Ostfront. "Todesmärsche" ist dieses Ausstellungskapitel überschrieben. Ein älterer Herr betrachtet die Bilder aufmerksam, kratzt sich immer wieder nervös am Bein. "Ich zweifel nichts an, was hier gesagt wird", äußert der Rentner aus Bad Doberan. "Ich war zwar als Soldat nicht an der Ostfront, aber mein Kamerad hat Briefe mit Fotos von dort bekommen. Sie zeigten, wie Gefangene an der Teppichstange aufgehängt wurden", sagt der ehemalige Fallschirmjäger. Seinen Namen will er nicht nennen, das Thema Wehrmacht ist für den 78-Jährigen abgeschlossen.

Alt oder jung, in Strandklamotten oder Schlips und Sakko - "das Publikum ist bunt gemischt", sagt Christiane Pohlmann, Sprecherin der Ausstellung. Informationsbedarf und Neugier sind bei Urlaubern und Einheimischen groß. Doch auch anderes Klientel wird angezogen.

Neonazis und rechte Gruppierungen hatten schon im Vorfeld Protest gegen die Ausstellung angekündigt. Entsprechende Aufmerksamkeit beim Wachdienst. Eine Liste verfassungsfeindlicher Symbole haben die Männer in Schwarz griffbereit. Erste Anzeigen wegen verbotener Tätowierungen gab es gleich am Eröffnungstag. Friedlich verhielten sich hingegen drei Jugendliche, die mit dem Spruch "Opa war gut" auf dem T-Shirt durch die Ausstellung marschieren. Die Veranstalter haben keine Angst vor kontroversen Diskussionen - sofern es dabei bleibt. Ein mobiler Polizeiposten auf dem Gelände ist trotzdem während der gesamten Ausstellung besetzt. Sicher ist sicher.

Kritik an der Ausstellung wird selten laut geäußert, diese Erfahrung hat Tini Elle gemacht. Sie gehört zu den 14 Guides - der Begriff "Führer" wird von den Veranstaltern übrigens penibel vermieden - die mit den Besuchern drei Mal täglich zu Führungen startet.

"Regelmäßig wird der Ausstellung allerdings vorgeworfen, dass sie die Kriegsverbrechen anderer Länder ausblenden würde", sagt die 21-Jährige. "Aber die Ausstellung heißt ganz klar Verbrechen der Wehrmacht und verfolgt auch nur diesen Aspekt", so Tini Elle, die in zwei Seminaren auf die Ausstellung vorbereitet wurde. Entsprechende Stimmen sind im Gästebuch nachzulesen: "Die Show muss noch deutlicher die Nazi-Verbrechen herausstellen. Wenn nicht hier und heute, wann dann wo?", schreibt Besucher Uwe Rumstedt.

Am Wochenende hatte die rechte Szene wieder zur Demo gegen die Wehrmachtsausstellung gerufen. 190 Teilnehmer reisten an. Die Demonstration verlief ohne Zwischenfälle.

Hintergrund

Dimensionen des Vernichtungskrieges

Die Ausstellung war erstmals im März 1995 in Hamburg eröffnet worden. Nach Vorwürfen, Fotos und Bildlegenden falsch zugeordnet zu haben, stoppte 1999 der Leiter des Hamburger Institutes für Sozialforschung, Jan Philipp Reemtsma, die Ausstellung. Eine Historikerkommission entlastete ein Jahr später die Ausstellungsmacher vom Vorwurf der Manipulation, stellte allerdings sachliche Fehler fest. Seitdem wird eine überarbeitete Ausstellung präsentiert.

Die Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944" zeigt, ausgehend vom damals geltenden Kriegs- und Völkerrecht, die Beteiligung der Wehrmacht an den Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg. Anhand von Kriegsschauplätzen im Osten und in Südosteuropa dokumentiert sie sechs Dimensionen des Vernichtungskrieges: den Völkermord an den sowjetischen Juden, das Massensterben der sowjetischen Kriegsgefangenen, den Ernährungskrieg, Deportationen von Zwangsarbeitern, den Partisanenkrieg, Repressalien und Geiselerschießungen.

Anhand von Zeitdokumenten wie der Haager Landkriegsordnung Wehrmachtsbefehlen und Fotos wird die teils aktive, teils passive Beteiligung der Wehrmacht an den Kriegsverbrechen beschrieben. Die Ausstellung dokumentiert zudem die gesellschaftliche Auseinandersetzung nach 1945 mit der Rolle der Wehrmacht während des Zweiten Weltkrieges und beleuchtet den strafrechtlichen, politischen und wissenschaftlichen Umgang mit Wehrmachtsverbrechen in Ost- und Westdeutschland.

Peenemünde ist der zehnte Ausstellungsort der überarbeiteten Ausstellung. Sie geht danach nach Dortmund und Halle und wird 2004 geschlossen.

Service

Täglich geöffnet

Die Ausstellung im Historisch-Technischen Informationszentrum Peenemünde ist täglich bis zum 7. Spetember von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt fünf Euro, ermäßigt vier Euro, für Schülergruppen kostet es 1,50 Euro. Öffentliche Führungen werden drei Mal täglich für zwei Euro angeboten, unter Telefon 038371 - 505116 können zudem Gruppenführungen vereinbart werden. Für Kinder unter 15 Jahren ist die Ausstellung nach Angaben der Veranstalter nicht geeignet.

Parallel zur Ausstellung finden bis September im Norden der Insel insgesamt 45 Vorträge, Podiumsdiskussionen, Film- und Theatervorführungen statt.

Parkplätze sind auf dem Gelände vorhanden, außerdem wird das Museum stündlich von der Usedomer Bäderbahn angefahren. Weitere Informationen im Internet; www.peenemuende.de.

Schweriner Volkszeitung

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