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28.07.2003
Sommer, Sonne - und ein Blick auf Massenmord - Auf der Ferieninsel Usedom wird die Ausstellung über Verbrechen der
Wehrmacht gezeigt
Von René Heilig
Früh ab 8 Uhr beginnt sich die Blechkolonne zu stauen. Ab dem Trichter Wolgast geht's nur noch im Schritt-Tempo Richtung Strand. Dort breiten sich bereits jene aus, die ein Zimmer auf der Insel gebucht haben. Die meisten erholungshungrigen Badegäste zieht es ostwärts - Bansin, Heringsdorf, Ahlbeck sind längst keine Domäne der »Ossis« mehr. Wer auf inzwischen geschaffenen Bäderstandard verzichten mag, biegt dagegen westwärts ab und sucht sich irgendwo hinter Karlshagen einen der weniger stressigen Sonnenplätze. Seewärts ist das kein Problem, Richtung Achterwasser jedoch steht man vor einem Zaun. An dem zu allem Überdruss auch noch Schilder Lebensgefahr signalisieren.
Die Ursache, die solche Warnung zwingend macht, liegt nun fast 60 Jahre zurück. Am 18. August 1943 luden englische Bombengeschwader zum ersten Mal ihre explosiven Lasten ab. Seither liegen Blindgänger herum. Warum der Westzipfel der Insel zum Zielgebiet der Alliierten wurde, ist mit einem Ortsnamen erklärt: Peenemünde. Heer und Luftwaffe der Wehrmacht hatten hier einen gigantischen Forschungs- und Rüstungskomplex installiert. Auf einem 25 Quadratkilometer großen Areal waren zehntausende Wissenschaftler, Techniker, Arbeiter konzentriert. Getestet und gebaut wurden einige von Hitlers furchtbarsten »Wunderwaffen«. Sie brachten »Vergeltung«, also zehntausende unschuldige Menschen um, und dass beim Bau der V1 und V2 über 15000 KZ-Sklaven durch Arbeit vernichtet wurden, nahmen die ehrgeizig-ehrlosen Konstrukteure, Organisatoren und Militärs
billigend in Kauf. Seit einiger Zeit hat man aus Fundstücken jener Ära und einer gehörigen wissenschaftlich fundierten Portion Vernunft eine auch didaktisch sehenswerte Ausstellung gestaltet. Der man seit einigen Tagen eine zweite beigestellt hat. In der großen Turbinenhalle des alten Kraftwerkes sind »Verbrechen der Wehrmacht« und damit die »Dimension eines Vernichtungskrieges 1941- 1945« zu sehen.
Der Peenemünder Museumsdirektor Dirk Zache weiß - ohne Dinge zu vermischen oder künstlich zu verklammern - mehrfache inhaltliche Berührungspunkte zu benennen. Mythen leben lang und immer wieder auf. So faseln allzu viele noch immer von der »sauberen Wehrmacht«, so schwebt auch über der Peenemünder High-Tech-Schmiede der verlogene Gedanke reinen Forschergeistes, der den Weg ins Weltall begründet hat. Zache kennt zur Genüge die Ansicht ehemaliger Peenemünder, sie hätten als Techniker - unabhängig von aller Politik - nur ihren Job getan. Solche Sprüche finden ihre Entsprechung bei Wehrmachtsangehörigen, die, mit dem Verweis auf einen Befehl, Geiseln erschossen haben. Ohne lebensferne Gleichungen zu konstruieren, beharrt der Direktor darauf, dass Verantwortung und Moral Dinge sind, die in jeder Zeit jeden Menschen fordern. In manchen Zeiten manchen freilich in besonderer Weise. Zache übrigens, der ursprünglich nichts weiter sein wollte als ein seriöser Museumsdirektor, ist inzwischen zur Zielscheibe von Hass geworden. Alte Unbelehrbare und nachgewachsene Nazis verleiden ihm das Öffnen von Post. Bisweilen musste er sich auch schon unter speziellen Schutz begeben. Deutschland Anfang des dritten Jahrtausends.
Die Landesregierung und das Parlament von Mecklenburg-Vorpommern haben die beiden Ausstellungen sehr bewusst und ebenso zielstrebig zusammengeführt. Zur Eröffnung am vergangenen Donnerstag kam - weil sein Chef im Urlaub ist - der Vize-Regierungschef Wolfgang Methling, ein Mann von der PDS. So wie er will auch der Landesjustizminister Erwin Sellering von der SPD die beiden Ausstellungen nicht nur als Rückblick verstanden wissen. Der mag nicht akzeptieren, dass »selbst zivilisierte Staaten« Kriege, die er wie Methling ohne Wenn und Aber für ein Verbrechen hält, noch immer und immer mehr als legitimes Mittel der Politik betrachten. Wer denkt, nun ja, Landespolitiker haben gut reden, sie sind mit der Frage Krieg-Frieden nicht befasst, der irrt. Gerade Methling als Umweltminister und Sellering, als Mann fürs Recht werden demnächst aktiv werden. Die regierende rot-rote Koalition will vermutlich Mitte August Klage einreichen gegen das von der Bundeswehr okkupierte Bombodrom, das unmittelbar hinter den Landesgrenzen wieder in Betrieb gesetzt werden soll. Vordergründig geht es darum, Natur und Menschen am Rande der Müritz vor Lärm und Gefahren zu bewahren. Doch vielleicht sorgt ja auch jeder, der Menschen hier zu Lande ein wenig mehr Ruhe erkämpft, dafür, dass andere irgendwo in der Welt weniger Angst vor deutschen Bombenschützen haben müssen.
Einstehen für Überzeugungen ist nicht jedermanns Sache. Als man vor Jahresfrist überlegte, dass die Wehrmachtausstellung auch im einstigen KdF-Bad Prora gezeigt werden könnte, da begann das große Maulen örtlicher Touristiker. Die 200000 Euro, mit denen die Landesregierung die Ausstellung unterstützt, hätte man schon gern genommen, doch nicht um den Preis eigenen Mutes. Denn der gehört dazu, holt man die Wehrmachtausstellung ins eigene Gebiet. Auch in Peenemünde musste man zusätzliche Schutzmaßnahmen treffen. Für den 2. August haben Nazis um den Hamburger Führer Christian Worch ihr »Kommen« angemeldet. Man wird sie erwarten - mit einem großen Kulturfest. Das Motto lautet wie der Name einer großen und aktiv-bekennenden Unterstützergemeinde: »Erinnern statt Verdrängen - Usedom sagt JA zur Wehrmachtsausstellung.« Unterstützung ist erwünscht. Übrigens - kleiner Tipp eines Usedom-Besuchers: Wer früher anreist, steht nicht so lange im Stau.
Die Ausstellung ist bis zum 7. September 2003 täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Eintrittspreise für Erwachsene 5 Euro (ermäßigt 4 €), Schüler/Studenten 1,50 Euro, Anmeldung unter 038371 50 51 16 oder schmid.pohlmann@peenemünde.de.
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