Thierse in Jamel- Stiftung unterstützt Rock-Festival
Die meisten der Bewohner in Jamel machen keinen Hehl aus ihrer rechten Gesinnung, wie Thierse bei seiner Ankunft bemerkte.
21.09.2010
Jamel - "Nein", sagt Birgit Lohmeyer, "Angst haben wir nicht, die Rechten lassen uns in der Regel auch in Ruhe. Wir haben 15 Jahre auf St. Pauli gelebt, so etwas härtet ab." Dass Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse, der derzeit als Schirmherr der Amadeu Antonio Stiftung durch Westmecklenburg, reist, auf Menschen trifft, die sich offen gegen Rechts stellen, ist eher selten. Und genau deshalb sitzt er mit Birgit und Frank Lohmeyer im Wohnzimmer des ehemaligen Forsthofes in Jamel. Die beiden Hamburger, die vor sechs Jahren in das kleine Dorf zwischen Wismar und Grevesmühlen gezogen sind und den Hof gekauft haben, verkörpern den letzten Rest an Demokratie in dem Ort. "Von den zehn Häusern hier sind nur noch dreieinhalb von normalen Leuten bewohnt", erzählt Birgit Lohmeyer. Die anderen Einwohner sind Anhänger der rechten Szene, die auch keinen Hehl aus ihrer Gesinnung machen, wie unter anderem die Wegweiser im Ort nach Braunau, Hitlers Geburtsort, zeigen. Das sei vor sechs Jahren noch anders gewesen. Die Geschichten über Sven Krüger hätten sie damals schon gekannt. "Aber nur wegen einer Familie wollten wir nicht auf diese Idylle verzichten." Was Lohmeyers damals als Idylle bezeichnete, ist heute bundesweit als rechtes Dorf bekannt, in dem Abrissunternehmer und NPD-Kreistagsmitglied Sven Krüger den Ton angibt. Auch deshalb ist Wolfgang Thierse, der sich offen für ein NPD-Verbot ("Es kann nicht sein, dass ein demokratischer Staat seine Feinde mitfinanziert.") einsetzt, hier.
Seit der Wende beschäftigt sich Thierse mit dem Thema Rechtsextremismus. "Was damals rasend schnell an Quantität und Qualität gewonnen hat, hat sich heute verändert", sagt er. "Die NPD ist bürgerlicher geworden, die Gefahr sind weniger die Mitglieder, in Mecklenburg-Vorpommern gibt es gerade einmal 400, sondern die Sympathisanten - und die Gönner im Hintergrund, die die Arbeit finanzieren." Nach Jamel ist der Bundestagsvizepräsident gekommen, um zu zeigen, dass die Politik den Ort nicht aufgegeben hat.
Gägelows Bürgermeister Uwe Wandel, der sich nicht scheut, Probleme beim Namen zu nennen, hatte mehrfach die Landesregierung kritisiert, dass man zwar das Problem erkannt habe, die Gemeinde jedoch mit der Lösung allein lasse. "Es stimmt leider, dass die lokalen Politiker sich hier eher selten blicken lassen", erzählt Horst Lohmeyer. Dennoch hätten sie die Unterstützung aus der Region, auch die vieler Menschen aus der Umgebung. "Das Problem ist nur, dass sich die Leute nicht zum Festival trauen, weil sie Angst haben." Dass die nicht ganz unberechtigt ist, zeigt der Vorfall vom August. Ein Gast war von einem Mitglied der rechten Szene während des Festivals angegriffen und verletzt worden.
Die rechte Szene berichtet im Internet darüber, dass es im kommenden Jahr keine fünfte Auflage des Festivals "Jamel rockt den Förster" geben werde. Das allerdings stimmt nicht. Wie Horst Lohmeyer gestern erklärte, soll das Festival, zu dem pro Jahr etwa 200 Gäste kommen, auch künftig stattfinden. Ein Teil der Finanzierung steht bereits. Die Amadeu Antonio Stiftung sagte gestern zu, das Festival 2011 finanziell zu unterstützen.
HINTERGRUND
Amadeu Antonio starb 1990
Seit ihrer Gründung 1998 ist es das Ziel der Amadeu Antonio Stiftung, eine demokratische Zivilgesellschaft zu stärken, die sich konsequent gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus wendet. Hierfür unterstützt sie lokale Initiativen und Projekte in den Bereichen Jugend und Schule, Opferschutz und Opferhilfe, alternative Jugendkultur und Kommunale Netzwerke. Die gemeinnützige Stiftung steht unter der Schirmherrschaft des Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages Wolfgang Thierse. Amadeu Antonio lebte als angolanischer Vertragsarbeiter in Eberswalde in Brandenburg. Ende November 1990 wurde er von einer Gruppe Neonazis so schwer verprügelt, dass er zwei Wochen später starb.
Thierse besuchte gestern im Rahmen seiner Rundreise auch den FC Hansa Rostock, der die Kampagne "Kein Ort für Neonazis" der Stiftung unterstützen wird. Am Vormittag hatte Thierse in Ludwigslust Gespräche mit Jugendlichen geführt.
MICHAEL PROCHNOW
Ostseezeitung-Grevesmühlen
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