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17.07.2003
Die Saubermänner von Wolgast


Andreas Lesch

WOLGAST, 16. Juli. Eine kleine Spitze kann Jürgen Kanehl sich nicht verkneifen. "Das ist ja interessant", sagt er. "Da gibt es eine Bürgerinitiative, die sich ,Schöner Wohnen in Wolgast nennt. Aber an einer Aktion, die Stadt zu säubern, hat sie noch nie teilgenommen." Kanehl ist der Bürgermeister von Wolgast, und er bekämpft die Initiative, wo er kann. Denn hinter ihrem harmlos klingenden Namen verbirgt sich die örtliche rechtsextreme Szene - und die bereitet mal wieder Probleme. Sie versucht, Stimmung zu machen gegen das Asylbewerberheim, das Anfang nächsten Jahres in ein ehemaliges Verwaltungsgebäude der Peene-Werft in Wolgast kommen soll. In eine Stadt, die lieber mit dem Tourismus in Verbindung gebracht werden will: als Tor zur Insel Usedom.

Die Rechten haben Wurfsendungen verteilt und Plakate geklebt in der Stadt - nachts, wenn keiner es sah. Der Tenor war immer derselbe: Die Asylbewerber würden die Stadt krimineller machen und stellten eine Gefahr dar. Die Rechten sammelten auch Unterschriften gegen das Heim und übergaben sie dem Bürgermeister. Der sagt, etliche hätten doppelt unterschrieben, andere seien Auswärtige gewesen: "Unterm Strich sind 280 übrig geblieben, bei rund 13 000 Bürgern - das ist nix."

Bedrohlicher klangen schon die Worte, die Mitte Juni von Unbekannten auf das Gebäude geschmiert wurden, in dem die Asylbewerber untergebracht werden sollen. Über eine Länge von fünfzig Metern waren, gesprüht mit schwarzer Farbe, Sprüche zu lesen wie: "Lichtenhagen! ... Wolgast?" Eine Anspielung auf den Anschlag in dem Rostocker Stadtteil vor elf Jahren. Der Kreisverband Ostvorpommern der NPD schließlich beschreibt auf seiner Internet-Seite detailliert die geplante Lage des Heims - und ergänzt Fotos unter Verweis auf den nahen Fluss Peene mit dem Satz: "Mal sehen, wann die ersten baden gehen." Der stellvertretende Landrat Armin Schönfelder (CDU), der in der Kreisverwaltung für die Ansiedlung des Heims zuständig ist, will prüfen lassen, "ob das eine Aufforderung zu Straftaten ist".

Kanehl glaubt trotzdem nicht, dass die Asylbewerber in ihrer neuen Unterkunft akut gefährdet sein könnten. "Die rechte Szene hier in der Gegend ist zurzeit in keiner Weise auf Gewalt aus", sagt der Bürgermeister. Er schränkt jedoch ein, es sei nicht ausgeschlossen, dass die Rechten versuchten, Jugendliche zu Straftaten gegen die Asylbewerber aufzuwiegeln. Sich selbst wollten sie derzeit als Saubermänner darstellen: "Die Rechten versuchen, Emotionen anzusprechen: Hier sind wir, die Deutschen - und dort die Ausländer, die sind krimineller als wir." In der Bevölkerung fänden sie mit dieser Strategie jedoch kaum Anhänger, meint Kanehl. Die Bürger wüssten, dass die Asylbewerber weiter im Landkreis Ostvorpommern unterzubringen sind - und dass ohnehin das Land für die Kosten aufkommt. "Von mir aus kann das Heim kommen", sagt eine Frau in der Altstadt. "Ich habe nichts dagegen", meint eine andere. Ein Mann dagegen sagt: "Bald sind hier ja mehr Ausländer als Wolgaster." Zurzeit sind es ganze 405.

Die Asylbewerber, die bald dazukommen, wohnen zurzeit in Heimen in Garz auf Usedom und in Anklam. Doch die müssen wegen Baumängeln geschlossen werden. Dass der Landkreis Wolgast als neuen Standort wählen will, ist brisant, denn die rechte Szene ist dort schon lange aktiv. Besonders aggressiv trat sie 1998 auf, als Kanehl sogar Morddrohungen bekam. "Damit haben sie in der Bevölkerung aber nur Ablehnung hervorgerufen", sagt die Koordinatorin des Präventionsrates, Gisela Kretschmer. "Sie haben begriffen, dass sie der Region und dem Tourismus geschadet haben, und das möchten sie sich auf keinen Fall vorwerfen lassen."

Fest contra Demonstration

Wolgast geht mit dem Problem Rechtsradikalismus offensiv um. "Man kann das nicht totschweigen. Es ist ein Phänomen von Ostvorpommern", sagt der PDS-Stadtvertreter Lars Bergemann. Die Behörden handelten: Sie verstärkten die Aufklärung an den Schulen - als Gegenpart zu den Rechten, die dort und in Kindergärten bei Feiern neue Anhänger gewinnen wollten, aber abgeblockt wurden. Die Stadt bietet auch Camps mit ausländischen Jugendlichen an, und die Polizei greift bei Straftaten der Rechten hart durch.

Am Sonnabend kommender Woche haben die Wolgaster wieder Gelegenheit, den Rechten die Stirn zu bieten. Denen wurde eine Demonstration genehmigt gegen die Wehrmachtsausstellung, die im nahen Peenemünde beginnt. Die Stadt setzt ein Fest der Kulturen dagegen. "Die Nazis werden durch die Stadt ziehen, und kein Mensch wird zugucken", sagt Jürgen Kanehl. "Das ist wohl die beste Strategie: dass sie lernen, sie laufen ins Leere."

Berliner Zeitung

23.07.2003
Integration stößt auf massiven Widerstand - Rechtsextremisten wollen Asylbewerberheim in Wolgast verhindern - Bürgermeister lässt sich nicht einschüchtern

WOLGAST taz Die Botschaft ist eindeutig: "Lichtenhagen, Solingen, Mölln, Wolgast?" haben Unbekannte in Schwarz an den leer stehenden Plattenbau im Wolgaster Hafen gepinselt. In das ehemalige Verwaltungsgebäude neben der Peenewerft sollen knapp 150 Asylsuchende einziehen. Noch leben sie mitten im Wald in einem Heim auf der Insel Usedom und in einer baufälligen Möbelfabrik im nahen Anklam. Mit dem zum Jahresende geplanten Umzug der Flüchtlinge erfüllt der Landkreis Ostvorpommern den so genannten Heimerlass der Landesregierung in Schwerin.

Er sieht vor, die "Dschungelheime" zu schließen, in denen Asylsuchende fernab von Einkaufsmöglichkeiten, Schulen und Rechtsberatungen in ehemaligen NVA-Kasernen und Baracken untergebracht sind. Die Landesregierung will so die Flüchtlinge besser integrieren. Nun wird eine Hand voll neuer Flüchtlingsheimstandorte in Mecklenburg-Vorpommern gesucht. Dies führt jedoch vielerorts zu Protesten von Bürgern und Neonazis.

In Wolgast, sagt SPD-Bürgermeister Jürgen Kahnel, würden die Flüchtlinge nur von wenigen Rechtsextremisten aus dem Umfeld der NPD abgelehnt. Sie tarnen sich als Bürgerinitiative "Schöner Wohnen in Wolgast" und haben knapp 280 Unterschriften gegen das Heim gesammelt. Weniger bürgernah gibt man sich auf der Website der NPD-Ostvorpommern. Hier finden sich Fotos des künftigen Flüchtlingsheims mit detaillierter Anfahrtsbeschreibung. Rechtsextremismusexperten sehen darin eine kaum verhüllte Aufforderung zu Gewalttaten. Es sei kein Zufall, "dass die Parole am zukünftigen Heim auf die rassistischen Pogrome in Rostock-Lichtenhagen und die tödlichen Brandanschläge gegen Migranten in Mölln und Solingen anspielt", sagt Günther Hoffmann vom Verein "Bunt statt Braun" in Anklam.

Der Verein versucht, die schwierige Suche des Landratsamts nach einem Heimstandort zu unterstützen. Doch mit ihrer antirassistischen Öffentlichkeitsarbeit befindet sich "Bunt statt Braun" oft in der Defensive. Zum Beispiel in der 2.400-Einwohner-Gemeinde Ducherow, wo die Flüchtlinge ursprünglich in eine leer stehende Hotelruine einziehen sollten. Daraufhin drohten die 400 Besucher einer Bürgerversammlung mehrheitlich den anwesenden Kreistagsvertretern von PDS, CDU und SPD an, man werde sie "komplett abwählen", wenn sie den Plänen von PDS-Landrätin Barbara Syrbe zustimmen und für den Zuzug der Flüchtlinge votieren würden. Argumentiert wurde wahlweise mit "Afrikanern, die unsere Behinderten mit Messern angreifen", oder "den Rechten, die dann hier Krawall machen".

Nachdem das Landratsamt klein beigab, standen die Städte Wolgast und Anklam zur Wahl. Dort sammelte ein Diskothekenbesitzer 1.200 Unterschriften gegen die angekündigten neuen Nachbarn und Neonazis verteilten Flugblätter gegen "die Asylantenflut". Dabei machen Migranten und Flüchtlinge in der Region weniger als 2 Prozent der Gesamtbevölkerung aus.

Wolgasts Bürgermeister Jürgen Kahnel dagegen erhofft sich von dem Heim "einen positiven Effekt" für seine Stadt. Die Asylsuchenden würden ihre Einkäufe schließlich vor Ort tätigen. Kahnel betont, Wolgast sei "weltoffen". Man werde sich nicht einschüchtern lassen. Auch nicht von marschierenden Neonazis. Die haben sich für den kommenden Samstag in Wolgast angekündigt, um gegen die Eröffnung der Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" im nahen Peenemünde zu protestieren. Anschließend, fürchten Sicherheitsexperten, könnten die Rechten zu einem europaweiten Treffen der Rockergruppe "Bandidos" in Anklam weiterziehen. In Wolgast will man die ungebetenen Gäste "rechts liegen lassen" und mit einem "Fest der Kulturen" Farbe bekennen.

HEIKE KLEFFNER

taz

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