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Kinder im Visier

Mit Hüpfburgen, Glücksrad und Kuchen sucht die rechtsextreme NPD in Mecklenburg-Vorpommern neue Anhänger

07.09.2010

Anklam/Schwerin Hüpfburg, Glücksrad, Kaffee und Kuchen: Eigentlich wollte die NPD am vergangenen Sonnabend in Anklam ein Kinderfest steigen lassen. Doch die Stadt hatte rechtzeitig das Grüngelände einem Wohlfahrtsverband verpachtet, so dass auch das von der rechtsextremen Partei angerufene Verwaltungsgericht einen Eilantrag zunächst ablehnte. Ob dagegen die NPD mit Blick auf die kommenden Wochenenden Beschwerde einlegt, ist offen.

Andernorts in Mecklenburg-Vorpommern war die NPD in den vergangenen Sommerwochen bereits erfolgreich. In Grevesmühlen blieb sie Ende Juli auf einem Privatgrundstück, da sei »ordnungsrechtlich nichts zu machen gewesen«, so die Stadtsprecherin. In Ueckermünde hatte die Verwaltung eine Woche zuvor über die anfallenden Gebühren versucht, das Kinderfest zumindest zu erschweren.

Im Stralsunder Rathaus hieß es hingegen Anfang August: »Die NPD ist keine verbotene Partei.« Auch in Anklam musste sich der Bürgermeister rechtfertigen. Schließlich passt ein tollpatschiger Clown auf dem Festgelände und kostenloser Kaffee für viele nicht mit menschenfeindlicher Ideologie zusammen.

Der langjährige Beobachter der vorpommerschen NPD-Szene Dierk Borstel vom Bielefelder Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung hingegen sieht die braunen Kinderfeste als Teil einer Strategie gegenüber jungen Eltern. »Durch die Ausrichtung eines kostenlosen Festes können sich die Veranstalter als "Kümmerer" darstellen.« Die NPD gehe schon seit längerer Zeit den Weg, sich teilweise erfolgreich »als Anwalt des kleinen Mannes zu profilieren«. Der Verfassungsschutz des Landes spricht sogar davon, dass die Partei sich damit »in der Mitte der Gesellschaft« etablieren wolle.

Wie aber sollen Kommunen, Einrichtungen, Verbände mit Trägern rechtsextremistischen Gedankenguts umgehen, wenn sie im Clownskostüm daherkommen? Oder gar als Erzieher? Die Antwort von Landessozialministerin Manuela Schwesig (SPD) darauf war im Juli ein »Kita-Erlass«. Künftig muss jeder Kindergarten im Land schriftlich versichern, dass seine Mitarbeiter auf dem Boden des Grundgesetzes arbeiten.

Der Erlass zeige vor allem die Hilflosigkeit der Politik, kritisiert der Freiburger Pädagogikprofessor Alfred Scherr, der seit Jahren eine zunehmende Präsenz von rechten Ideologien im Kinder- und Jugendbereich beobachtet. »Wir müssen erreichen, dass Antirassismus- und Menschenrechtsbildung ein zentraler Bestandteil der Ausbildung von Pädagogen und Erziehern wird«, fordert der Wissenschaftler. Kinder stünden schließlich nicht jenseits aller politischen Einflussnahme, sondern »übernehmen Wahrnehmungs- und Denkmodelle, die ihnen vorgelebt werden.«

Im westmecklenburgischen Landkreis Ludwigslust machen sich die NPD-Aktivitäten besonders bemerkbar. »Hier haben eine Reihe von NPD-Funktionären mit ihren Familien seit dem Einzug in den Landtag ihren Wohnort«, berichtet Heike Radvan von der Amadeu-Antonio-Stiftung, die in der Region Initiativen gegen Rechtsextremismus unterstützt. Um diese Familien herum habe sich ein ganzes Netzwerk von Gleichgesinnten gebildet. Von dort stammt auch die Erzieherin, die mittlerweile ungehindert in einem Kindergarten im niedersächsischen Lüneburg arbeiten darf.

Radvan kann Geschichten erzählen von Hakenkreuztorten backenden Müttern, die ehrenamtlich Kindergärten verschönern und nebenbei Bilder von Kindern mit Migrationshintergrund von der Wand nehmen. In den Schulungen der Stiftung geht es auch darum, die Teilnehmer zu ermutigen, eine eigene Position zu dem Thema zu finden. »Viele Erzieher sind sich unsicher, ob das überhaupt ihr Handlungsbereich ist, ob sie ihre Meinung dazu öffentlich vertreten sollen.«

In Anklam wiederum bekommt Regine Krüger-Finke vom dortigen Regionalzentrum für demokratische Kultur (RAA) Anfragen von Eltern, die nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen, wenn ihr Kind von rechtsextremistischen Eltern zum Kindergeburtstag eingeladen wird. Eine Patentlösung hat sie dafür nicht. »In einer größeren Stadt mag es praktikabel sein, sich von solchen Eltern vollständig zu distanzieren«, sagt sie, »auf dem Land ist das anders.« Da könnten die Rechtsextremisten auch die einzigen Nachbarn sein, die das Kind mal mit in die Schule nehmen.

Zudem dürften betroffene Kinder nicht ausgegrenzt werden, warnt Finke. In einer Region, in der bei den letzten Landtagswahlen über elf Prozent aller Erststimmen an einen NPD-Kandidaten gingen, könne es sich die Gesellschaft nicht leisten, den Kontakt zu den Kindern dieser Wähler abzubrechen. »Es ist ja leider nicht so, dass es um ein paar einzelne Irre in einer ansonsten gut funktionierenden Zivilgesellschaft geht«, sagt der Freiburger Alfred Scherr. »In bestimmten Teilen Deutschlands sind die Nazis eben leider selbst ein Teil der Zivilgesellschaft.«

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