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40 Stolpersteine erinnern jetzt an einstige jüdische Mitbürger

23.08.2010

Von Angela StegemannPasewalk. Einen Stau auf der Autobahn, den hatten die Organisatoren der Pasewalker Stolpersteinverlegung nicht einkalkuliert. In eben diesem steckte der Vater der Stolperstein-Aktion, Gunter Demnig (62), am Sonnabend. Doch die Pasewalker warteten geduldig, schließlich haben sie als erste Stadt Mecklenurg-Vorpommerns mit der Aktion bereits Erfahrung. Seit 2005 war es bereits die sechste Verlegung. Hinzu kamen diesmal die Stolpersteine 35 bis 40. Die zehn mal zehn Zentimeter großen Messingplatten erinnern an einstige jüdische Mitbürger, die von den Nazis ermordet wurden. Bürgermeister Rainer Dambach (parteilos) bedankte sich nicht nur bei den Spendern der Steine, meist Privatpersonen, sondern auch bei Dr. Egon Krüger, der sich seit Jahren ehrenamtlich darum bemüht, Wissen über Pasewalker Juden zusammenzutragen. "Die Aktion muss im öffentlichen Bewusstsein stehen", meinte er. Die erste Station bei der Stolpersteinverlegung war am Markt 27 (früher Marktplatz 28). Dort wird an Max Sternberg sowie an seine Schwestern Margarete Michel und Gertrud Segall erinnert. Wie Egon Krüger berichtete, wohnte die Familie Sternberg seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Pasewalk. Der Kaufmann Meyer Sternberg hatte einst das Familienunternehmen gegründet. Nach seinem Tod 1868 führte die Witwe mit den Söhnen Julius und Siegmund das Geschäft weiter. Max, Jahrgang 1873, war ein Julius' Sohn. Ende des 19. Jahrhunderts zog die Familie nach Berlin. Max war promovierter Akademiker. Er wurde am 22. September 1942 von Berlin nach Theresienstadt deportiert und starb dort bereits am 10. Oktober 1942. Seine Schwester Margarete, Jahrgang 1877, verheiratete Michel, wurde am 3. Oktober 1942 nach Theresienstadt deportiert, dort am 19. April 1944 ermordet. Ihre jüngere Schwester Gertrud, Jahrgang 1881, war Witwe und lebte zuletzt in Berlin. Als sie erfuhr, dass sie deportiert werden sollte, nahm sie sich am 22. Januar 1942 das Leben. "In Pasewalk gab es 1940 keine Juden mehr. Die meisten von ihnen waren in der Hoffnung, dass sie dort nicht so schnell entdeckt werden, in Städte wie Berlin gezogen", berichtete Egon Krüger.Weiter ging es in die Baustraße. In der früheren Königstraße 14 steht heute kein Haus mehr. Dort erinnert jetzt aber ein Stolperstein an Adele Alifeld, die dort einst wohnte. Sie war eine Tochter des Rabbiners und Predigers Dr. Moses Alifeld. Die Familie wohnte von 1862 bis 1869 in Pasewalk. Adele (geboren 1865) war eines der sieben Kinder. Als der Vater Rabbiner in Berlin wurde, ging die Familie mit. Adele heiratete nicht. Sie wurde in Berlin von der Gestapo aufgespürt, am 17. März 1943 nach Theresienstadt gebracht, dort acht Tage später ermordet. In der früheren Klosterstraße 8 (am heutigen Parkplatz) lebte Therese Ostheim (geborene Abrahamsohn). Die Abrahamsohns lebten bereits seit 1816 in Pasewalk. Sie verdienten ihren Lebensunterhalt als Händler und Aufkäufer. Therese wurde 1868 geboren. Der Vater starb früh. Therese heiratete und zog nach Berlin. Am 25. Januar 1942 wurde sie von Berlin nach Riga deportiert und starb dort 1943.Der letzte Stolperstein dieses Jahres, gesetzt in der Ueckerstraße 30 (einst 54), vor dem heutigen Kaufhaus, erinnert an Kurt Behrendt, einem Vertreter der wohl bekanntesten jüdischen Pasewalker Familie. Kurt Behrendts (Jahrgang 1887) Großvater Hirsch Behrendt hatte die Eisengießerei aufgebaut, Kurts Vater Emil war einer seiner sechs Söhne. Die Familie Emil Behrendt wohnte zunächst in der Ueckerstraße. Ende des 19. Jahrhunderts zog die Familie nach Berlin. Am 4. März 1943 verhafteten die Nazis Kurt dort. Er starb 1943 in Auschwitz.Nicht bei der Einweihung der Stolpersteine dabei sein konnte in diesem Jahr der Landesrabbiner William Wolff. Er schrieb aber an Egon Krüger einen Brief. Er könne nicht kommen, weil er den wöchentlichen Sabbatgottesdienst in Schwerin leiten müsse, teilte er mit. Er bedankte sich dafür, dass in Pasewalk dafür gesorgt werde, dass an ehemalige ermordete Mitbürger erinnert werde. So würden diese nicht völlig vergessen, so William Wolff. Es müsse dafür gesorgt werden, dass sich diese Tragödie der Vergangenheit auf deutschem Boden niemals mehr wiederhole.Rainer Dambach und Egon Krüger forderten die Pasewalker auf, sich als Sponsoren für weitere Steine zu betätigen. "Nach dem jetzigen Stand könnten wir noch einmal 30 Steine verlegen", meinte Egon Krüger gegenüber unserer Zeitung. Aber er ist überzeugt, dass weitere Namen hinzu kommen werden. Denn durch das öffentliche Bekanntmachen der Aktion und sein Buch über jüdische Geschichte in Pasewalk würden sich immer mehr Angehörige einstiger jüdischer Mitbürger melden so wie eine Familie aus Island oder die Familie Simon aus Neustrelitz. Letztgenannte ist auch der Sponsor eines Steines. Am Sonnabend war sie verreist, sie wollen aber in den nächsten Wochen kommen. Aber auch Rosemarie Schuler aus Berlin, eine Nachfahrin der Familie Behrendt, spendierte einen Stein. Sie konnte nicht dabei sein, weil sie krank ist. Zwei Steine bezahlte die Pommersche Landsmannschaft, einen die Familie Striecker, jeweils einen weiteren Heidrun Petruschke und Jutta Bressem.Jüngster Zuschauer bei der Stolperstein Aktion war Sonnabend der achtjährige Ludwig. Er verfolgte genau, warum die Menschen durch Pasewalk gehen und an den Steinen weiße Rosen niederlegen: "Damit man immer an die Leute denkt, die von den Nazis ermordet wurden." Seine Mutter, Regine Krüger-Finke, hatte sich mit ihm darüber unterhalten. Als Vertreterin des Regionalzentrums für demokratische Kultur Südvorpommern interessiert sie sich auch beruflich dafür. Gunter Demnig konnte bei der feierlichen Einweihung der Stolpersteine nicht mehr dabei sein. Er musste weiter nach Anklam. In der Nachbarstadt wurden die Gedenkplatten erstmals verlegt. Deutschlandweit sind es bereits über 500 Orte, in denen die Messingplatten an eine schlimme Zeit deutscher Geschichte erinnern.

Nordkurier-Pasewalk

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