Aufarbeitung jüdischer Geschichte
Viele Bücher, aber auch alte Kleiderbügel aus Geschäften jüdischer Kaufleute in Güstrow hat der Förderverein Region Güstrow jetzt in die Hände der Stadt gegeben
14.08.2010
von Regina Mai
GÜSTROW - Seit fast 25 Jahren beschäftigt sich Folker Hachtmann (77) mit dem jüdischen Leben in der Stadt, das am 10. Juli 1942 mit der Deportation der letzten Juden aus Güstrow abrupt endete. Marthilde (Tilly) Frank, eine junge Frau, und Max Jacobsohn, der letzte Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in der Barlachstadt, waren darunter. Aktuell beschäftigt sich der Pastor a.D. mit dieser Deportation. Auch möchte er bei den "Stolpersteinen", die in der Hansenstraße an Max Jacobsohn erinnern, im Herbst noch zwei hinzufügen, für zwei Frauen, Mutter und Tochter, auf die er erst jetzt aufmerksam geworden sei, erklärt Folker Hachtmann.
Nach Rückzug sieht das nicht aus, aber dennoch regelt der Güstrower Dinge neu und denkt dabei an die Zukunft. Das ganze Material, das der Initiator der "Stolpersteine", die in verschiedenen Straßen in Güstrow daran erinnern, dass dort Juden lebten, für das Projekt gesammelt hat, möchte Folker Hachtmann der Stadt übergeben, dazu sämtliches Material zur Geschichte der Juden in Güstrow, das er über die Jahre zusammentrug. Schon immer hatte sich Folker Hachtmann für diesen Teil deutscher Geschichte interessiert. Als er als Pastor nach Güstrow kam und dort auch die Andachten alljährlich am 9. November auf dem jüdischen Friedhof übernahm, wuchs das Interesse. Recherchiert hat er im Landeshauptarchiv. Vieles trug er über die Synagoge und die jüdische Gemeinde in Güstrow zusammen. Weiter gibt es eine umfangreiche Korrespondenz mit Ali Grossmann, einem Überlebenden des Holocaust, der in den letzten Jahren mehrfach seine Heimatstadt Güstrow besuchte. "Es ist ein Schatz und ich hänge sehr daran", sagt Folker Hachtmann. Aber er werde älter und habe sich nun damit angefreundet, es in die Hände der Stadt zu geben. "Es gehört in die Stadt", meint der Pastor a.D.
Folker Hachtmann weiß, dass auch Brigitte Radde ihre Sammlung zur jüdischen Geschichte in Güstrow an die Stadt geben möchte. Der Förderverein Region Güstrow (FRG) hat dies bereits getan. Über viele Jahre waren unter der Regie des Fördervereins Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zur jüdischen Geschichte in Güstrow gelaufen. Das Ergebnis waren Publikationen und Ausstellungen. Schautafeln, Aktenordner, über 100 Bücher, Artikel und Fotoalben, Kassetten und CDs, aber auch ein siebenarmiger Leuchter und alte Kleiderbügel haben erst einmal einen Platz im Keller der Bibliothek gefunden.
Die Stadt begrüße eine Zusammenfassung des Materials, betont Barbara Zucker. Es liege nahe, den Bestand in der Bibliothek zu lagern. Dort könne jeder, der an dem Thema forschen wolle oder sonst interessiert sei, Einblick nehmen, so die Stadtsprecherin.
Folker Hachtmann würde der Sammlung gern noch etwas hinzufügen. Bei der Sanierung des ehemaligen jüdischen Gemeindehauses wurden unter den Dielen Schriftstücke verschiedenster Art gefunden. Hachtmann nennt ein Gebetsbuch, Predigthefte, einen Teil einer Schriftrolle, Quittungen und eine Tageszeitung aus dem September 1937 mit einer Rede Hitlers. "Die Stücke sind zum Landesamt für Denkmalpflege gekommen", berichtet Folker Hachtmann. Er würde es gern sehen, wenn sie nach Güstrow zurückkehren. Hier hätten sie ihren Platz und würden die Sammlung, die nun zusammengeführt wird, bereichern.
Froh ist Folker Hachtmann, dass das Max-Samuel-Haus in Rostock eine Aufarbeitung und Archivierung angeboten habe. "Ich hoffe, dass es dazu kommt", sagt der Pastor a.D., der bis vor kurzem auch dem Förderverein ehemaliges jüdisches Gemeindehaus vorstand. Da er und weitere Mitglieder des Vorstandes sich zurückziehen, habe der 2004 gegründete Verein seine Auflösung beschlossen. Um die Abwicklung würden sich jetzt die Vorstandsmitglieder als Liquidatoren kümmern. Einen Schlussstrich aber zieht der 77-Jährige damit nicht. Mit dem beruhigenden Gefühl die Dinge geregelt zu haben, wird er sich weiter mit der Geschichte jüdischer Familien in Güstrow beschäftigen.
Schweriner Volkszeitung-Güstrow
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