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"National befreites" Anklam wehrt sich gegen NPD
Zum ersten Mal seit Jahren will die NPD durch Anklam marschieren. Es droht eine Kraftprobe zwischen Stadt und Neonazis.
31.07.2010
Es ist Mittag in Anklam. Am Marienkirchplatz wirbt der Laden "New Dawn" im Schaufenster für sein Angebot an "Streetwear, Musik & More". Der Laden vertreibt Szeneklamotten und Musik für Rechtsextremisten und ist nur für wenige Stunden am Tag geöffnet. Ansonsten sind die Fenster mit massiven Jalousien verdeckt. Der Besitzer hat außerdem noch ein Musiklabel und einen Plattenvertrieb im Internet. Er verkauft Platten mit Titeln wie "Adolf Hitler lebt" oder von Bands mit Namen wie "Race Riot" (Rassenaufstand). Und er mag es nicht, wenn sich Journalisten für das Geschäft interessieren.
Fotos von den "Störern" werden gemacht. Und schnell sind die Jalousien herabgelassen. Zwei kurzhaarige Männer greifen nach der Kamera des Fotografen, bedrängen ihn von beiden Seiten. "Gebt den Film her", fordern sie. "Auch ihr habt einen Namen und eine Adresse - wir kriegen Euch", drohen sie. Es bleibt nur die Flucht in die nahe gelegene Sparkasse und der Ruf nach der Polizei.
"Ach, der", meint ein Polizist nur, als er die Bilder in der Kamera betrachtet. Offensichtlich ist ein derartiges Verhalten in Anklam beim "New Dawn" keine Seltenheit. Seit zehn Jahren existiert der Laden. Und er ist einer der Gründe, weshalb man die Stadt in Mecklenburg-Vorpommern gern als rechtsextreme Hochburg bezeichnet.
* Rechtsextreme wollen Kita-Kinder indoktrinieren
Ein anderer Grund ist ein ehemaliges Möbelhaus in der Innenstadt. Im Mai 2007 ersteigerten zwei führende Rechtsextremisten der Region, Enrico Harmisch und Alexander Wendt, das unter Zwangsverwaltung stehende Objekt. Damals bekam das in der Stadt niemand mit, da der Kauf über einen Strohmann erfolgte.
Heute beherbergt das Haus das Wahlkreisbüro des NPD-Abgeordneten Michael Andrejewski und seine Anwaltskanzlei. "Hieran wird deutlich, wie eng die Zusammenarbeit zwischen der NPD und der freien Szene mittlerweile ist", erläutert Heiko Pult vom Regionalzentrum für demokratische Kultur Südvorpommern.
Geplant sei in dem mitten in der Stadt gelegenen Objekt die Einrichtung einer "Nationalistischen Volksbibliothek", doch dies sei durch Auflagen der Kommune bislang verhindert worden. Das 2007 eröffnete Regionalzentrum koordiniert in der Region demokratische Aktivitäten gegen den Extremismus. Mit dem mobilen Beratungsteam werden beispielsweise Schulungen über Strukturen der der Szene etwa für Lehrer, Mitarbeiter von Verwaltungen oder Kommunen angeboten.
"Die Bereitschaft der Anklamer, sich gegen Neonazis zu engagieren, ist vorhanden", betont Pult. Keinesfalls sei die Stadt, wie es die NPD jüngst im Internet propagiert habe, eine "national befreite Zone". So werde der sehr aktive Präventionsrat der Stadt im September zum dritten Mal den interkulturellen Tag organisieren. Das ist ein Familienfest, an dem auch Anwohner und Gewerbetreibende mit Migrationshintergrund mitwirken.
Und als die NPD wie in anderen Orten des Landes in diesem Jahr am 31. Juli in Anklam ein Kinderfest veranstalten wollte, verbot dies die Stadt. Und sie hat damit auch vor Gericht Erfolg. Denn gleichzeitig ist auf dem selben Gelände seit langem die zweite "Jungbürgerversammlung" der Stadt angemeldet, bei der Jugendliche und junge Erwachsene den Politikern ihre Wünsche und Vorstellungen vom Leben in Anklam vortragen sollen.
Doch die NPD will es offensichtlich auf einen Machtkampf in Anklam ankommen lassen: Aus Protest gegen das Verbot hat sie für den 31. Juli erstmals seit den 90er-Jahren wieder eine Demonstration in der Kreisstadt angemeldet und vor Gericht ein Verbot des Landkreises aufheben lassen. "Leider fehlt die Zeit, um eine zentrale Protestveranstaltung dagegen zu organisieren", sagt Pult. Doch entlang der Marschroute vom Bahnhof durch die Innenstadt und ein Neubaugebiet werden Plakate mit dem Motto "Kein Ort für Nazis" die Haltung der Stadt deutlich machen.
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